Oh, so ein Morgen :-)

Freies Forum für freie Geister, unkonventionelle Menschen, Querdenker, Genies, Besserwisser und Letztes-Wort-Fetischisten.
Chialandra
Sphinx
Beiträge: 112
Registriert: 13.07.2003, 06:38

Oh, so ein Morgen :-)

Beitragvon Chialandra » 11.11.2003, 11:30

Mein Tag hat heute um viertel nach Fünf angefangen, alles nur weil meine Mum eine Putzstelle hat nebenher und heute keine Zeit hatte. Das liebe Töchterchen hat natürlich aber Abends bei guter Laune dummerweise angeboten für sie einzuspringen und das zu erledigen.

Also bin ich heute zusammen mit meiner Schwester an den Bahnhof gegangen um von dort aus mit dem Zug zu fahren. Der Zug war erstmal total überfüllt, was ja nicht heißt dass man sich nicht neben irgendwelche fremde Menschen setzen kann. Die meisten haben so oder so geschlafen. Die anderen weinigen, welche sich gerade noch so zwingen können ihre Augen offen zu halten schauen derweil nicht sehr freundlich drein. Trotzdem kein Grund sich nicht da hin zu setzen. Ich mag diese kleinen vierer-sitzgelegenheiten ja normalerweise, da hat man Platz und kann seinem Gegenüber ins Gesicht schauen. Heuzte Morgen wars ein fataler Fehler sich dort hinzusetzen. Die ersten zwei Minuten konnte ich meine Schwester noch ansehen ohne dabei mein Gesicht irgendwie zu verziehen (sie hatte sich gegenüber von mir hingesetzt weil kein anderer Platz frei war). Aber man fängt ja dann an sich die anderen Zuggäste mal genauer anzusehen. Vor allem die, die die Augen zu haben.. und manch einer sieht beim Schlafen eben doch ziemlich lustig aus. Meine Schwester hat angefangen den Mann neben mir -dessen Gesicht ich ja nicht sehen konnte- nachzuahmen und das erste Grinsen war geschafft.. was sich, über Sekunden hinweg gezogen, zu einem "lippenbebenden" zusammengepressten Strich verzog, nur um ein lautes Lachen zu unterdrücken.. jedoch hat auch das nur kurz gedauert.. wir haben angefangen zu lachen, natürlich so leise wie möglich. Und allein das Wissen dass man nicht über andere Lachen sollte bringt einen noch mehr zum Lachen. Da kann die Decke des Zugs noch so interessant sein, es geht einfach nicht weg. Alle offenen Augen in unsrer Nähe haben uns natürlich angesehen als kämen wir von einem anderen Stern. Warum trauen sich so viele Menschen nicht, in einem vollen Zug oder Raum oder Bus einfach mal laut loszulachen??
Naja vor lachen sind wir dann eine Station zu weit gefahren was bedeutete dass wir eine halbe Stunde an der gesunden, recht kühlen Luft verbringen mussten. Aber wir haben weitergelacht, über den Mann im Zug, und die Frau die mit einem Fahrrad an uns vorbei gefahren ist und uns seltsam angesehen hat, nachdem wir sie gegrüßt haben.. dadurch bleibts schön warm :-D

nach dem Putzen mussten wir wieder zum Bahnhof zurück laufen.. vor uns eine Frau, in einem hübschen, schwarzen Rock, mit hübschen, schwarzen Schuhen, einem hübschen, schwarzen Mäntelchen und ekelhaft blondierter Löwendauerwelle. Zusätzlich eine Fahne eines wiederlichen Au de Toilette. Wieder ein Grund zu lachen.. aber hauptsache man sieht gut aus. Die Frau ist die ganze Zeit vor uns gelaufen, und am Bahnhof habe ich eine Minute nicht auf sie geachtet.. dort mussten wir aber wieder ne halbe Stunde warten. Also haben wir uns hingesetzt, und nachdem mir wieder so ein penetranter Gestank in die Nase gestiegen ist habe ich mich kurz umgesehen (dabei ist mir die Frau neben mir komplett in schwarz und mit blondierten Haaren nicht aufgefallen) und habe meine Schwester gefragt wo die Parfümbombe denn steckt. "Neben Dir" kam als Antwort.. daraufhin schallendes Gelächter von uns beiden. An so einem Bahnhof lacht ja früh morgens niemand und es redet auch keiner laut.. wir hatten also auch gleich die Aufmerksamkeit der doch recht großen Menge sofort ganz für uns.. Neben meiner Schwester eine Frau in Nadelstreifenhosen.. mit einem kleinen süßen Handtäschje. Die hat zu und gesehen und ganz leicht mitgegrinst. WOW ich wollte mich schon freuen dass jemand mitlacht, da hat sie peinlich betreten den Blick wieder auf die langweiligen Gleise geheftet und ihn starr dort gelassen.
Schade drum, aber sowas stört einen nicht beim Lachen, verstärkt es nur noch. Auf der Heimfahrt noch einen Kerl der mit dem Finger nicht tief genug in seiner Nase versinken konnte, als ich aber laut lachte hat er mir nen strafenden Blick zugeworfen.. lachen gehört sich nicht :-( Nicht in einem Zug wo andere menschen sitzen. Nasebohrn ist da schon besser.. schön leise, ganz entspannt und nur für sich.. was andere da mit ansehen müssen ist ja egal. Aber gut ich hätte ja wegsehen können :-)) . Dann macht es aber keinen Spaß mehr wenn derjenige merkt dass er dabei zugesehen bekommt und zwei Sekunden später auch noch ausgelacht wird.

Das einzig ärgerliche war dass ich meine Zugfahrkarten voll umsonst geholt habe, denn wir wurden nicht kontrolliert.. 4 euro.. das ist ein großes Päckchen Zigaretten.
Ich hatte einen wunderbar lustigen Morgen, auch wenn ich nur über andere Leute gelacht habe.. Ich lache gerne über andere Menschen..

Laugh at me 'cause I don't want to laugh alone :-D :-D :-D
Intelligenz, behaupten die Intelligenten, ist die Fähigkeit, sich der Situation anzupassen. Wenn du ein Buch verkehrt in die Hand genommen hast, lerne, es verkehrt zu lesen. (Wieslaw Brudzinski)

gelbsucht
Pegasos
Beiträge: 1106
Registriert: 25.04.2002, 20:55
Wohnort: Das Dorf der Dussel an der Düssel

Re: Oh, so ein Morgen :-)

Beitragvon gelbsucht » 30.11.2003, 02:52

Hallo du lustiger Vogel!
An so einem Bahnhof lacht ja früh morgens niemand und es redet auch keiner laut.. wir hatten also auch gleich die Aufmerksamkeit der doch recht großen Menge sofort ganz für uns.. Neben meiner Schwester eine Frau in Nadelstreifenhosen.. mit einem kleinen süßen Handtäschje. Die hat zu und gesehen und ganz leicht mitgegrinst. WOW ich wollte mich schon freuen dass jemand mitlacht, da hat sie peinlich betreten den Blick wieder auf die langweiligen Gleise geheftet und ihn starr dort gelassen.

Auf der Heimfahrt noch einen Kerl der mit dem Finger nicht tief genug in seiner Nase versinken konnte, als ich aber laut lachte hat er mir nen strafenden Blick zugeworfen.. lachen gehört sich nicht.

Das kann ich gut nachvollziehen, Chialandra. Ich bin zwei Jahre zwischen Gelsenkirchen und Düsseldorf gependelt, vier Tage die Woche, ca. 3 ½ Stunden hab ich da an einem Tag in öffentlichen Verkehrsmitteln zugebracht, auf Bahnhöfen herumgestanden, während ich auf den Zug warten durfte, der selten pünktlich kam und die kostbare Zeit meines Lebens verschwendet. Da kann man schon die eine oder andere interessante anthropologische Beobachtung machen und gerade als Soziologe lernt man, wie stark unsere Gesellschaft durchnormiert ist bzw. wie spießig sie ist.
Alle offenen Augen in unsrer Nähe haben uns natürlich angesehen als kämen wir von einem anderen Stern. Warum trauen sich so viele Menschen nicht, in einem vollen Zug oder Raum oder Bus einfach mal laut loszulachen??

Selbst subtiles Verhalten wie "Lachen" wird sofort mit bösen, missbilligenden Blicken als "abweichendes Verhalten" abgestraft. Aber du und deine Schwester ihr wart im Vorteil: ihr wart zu zweit. Lachen ist Kommunikation. Zu zweit zu lachen ist noch denkbar einfach. Aber stell dir vor, wie schwierig es ist, wenn du allein unterwegs bist, dir geht irgendetwas lustiges durch den Sinn und du musst plötzlich loslachen – das ist noch einen ganzen Zacken schwieriger. Das traut man sich nicht so leicht. In der Gruppe ist das alles einfacher, die Gruppe schützt dich, die Gruppe stärkt deinen Mut, die Gruppe rechtfertigt dein Verhalten schon eher. Versetzt dich in die Leute hinein: wenn du über jemanden lachst, dann wird das von demjenigen als unangenehm empfunden, als Angriff auf seine Person, es verunsichert ihn. Dir wäre es wahrscheinlich auch unangenehm, wenn da ein alter Mann sitzen würde, der dich die ganze Zeit anstarrt und verschmitzt grinst. Da würde dir auch komisch werden und du würdest dich fragen, was will der von mir, stimmt was mit meiner Frisur nicht oder warum glotzt der mich die ganze Zeit an? Ich finde es nicht verwunderlich, dass Leute so reagieren ... in anonymen Kontexten wird Lachen eher als Angriff, als Unverschämtheit gedeutet, denn als Spaß oder Freundlichkeit. Die Bewertung des Lachens ist also situationsabhängig. Sobald den Leuten nicht ersichtlich ist, warum und worüber man lacht, sind sie verunsichert, schauen dich verwundert oder verärgert an. Versuch mal, wenn du das nächste mal allein mit dem Zug unterwegs bist, das durchzuziehen und du wirst merken, wie stark der Druck der Norm ist. Wenn du dich dann in so eine Vierersitzgelegenheit zu drei anderen fremden Menschen setzt und grundlos loslachst, wirst du an deren Blicken ablesen können, was die über dich denken: die hat einen Zacken in der Krone. Oder auch: die ist ja total bekifft. Ein bisschen anders ist das vielleicht, wenn man etwas in der Hand hat und liest. Das ist wieder eine Rechtfertigung, da können die Leute wieder nachvollziehen, warum man lacht bzw. die Leute empfinden das Lachen dann nicht als gegen sich selbst gerichtet.
Aber man fängt ja dann an sich die anderen Zuggäste mal genauer anzusehen. Vor allem die, die die Augen zu haben..

Tja, das ist typisch – nur dem Blinden oder dem Schlafenden blickt man frei und unverholen ins Angesicht. Warum ist das so? Es ist wirklich erstaunlich, aber selbst das Verhalten unserer Augen ist normiert. Unsere Blicke sind befangen. Hier hab ich in meiner Zeit als Pendler meine eigenen Krisenexperimente durchgeführt. Versuch mal einem Fremden direkt ins Auge zu blicken und ihn zu fixieren. Auch das ist nicht so leicht. Auch damit weckst du Verunsicherung und Missbilligung je nachdem, wen du da vor dir hast. Ich bin ein Mann. Andere Männer empfinden so einen langen, intensiven Blick wohl häufig als Bedrohung oder Beleidigung. Bei Frauen kann es als Flirt oder dumme Anmache (fehl)interpretiert werden. Jemanden länger anschauen als nötig, bedeutet in anonymen Kontexten auch häufig, dieser jemand weicht selbst irgendwie von der Norm ab – darum die Verunsicherung. So ziehen nicht nur besonders schöne Frauen, sondern auch Menschen mit ungewöhnlichen, körperlichen Behinderungen (z.B. sehr fette Menschen) besonders viele, häufig ganz schamlose Blicke auf sich. Und auch da sollte man sich mal in diejenigen hineinversetzen, die das Ziel von derartigen Blicken sind. Stell dir vor, ab morgen würden dich alle Menschen auf der Straße oder im Bus ständig und ohne Scheu angaffen, dumm grinsen und miteinander tuscheln. Wie würde sich das anfühlen? Was würde das für Folgen haben für dein Selbstwert- und Körpergefühl? Ich muss gestehen, dass ich hin und wieder an einem etwas unangenehmen Ausschlag leide: Lippenherpes. Da möchte ich mich am liebsten auch tagelang verstecken und vor Scham und Selbstekel im Boden versinken. Aber wie harmlos ist das im Vergleich zu anderen Krankheiten und Behinderungen? Warum gaffen Menschen ein Kind oder einen Erwachsenen mit Down-Syndrom so blöd an, als wäre es ein Äffchen und sie hätten noch nie in ihrem Leben ein Äffchen gesehen? Ich habe es bei meinen kleinen Experimenten mit dem gezielten und andauernden Blick ins Gesicht eines Gegenübers tunlichst vermieden, mir Leute auszusuchen, wo mir ein abweichendes Äußeres oder Verhalten den Vorwand geboten hätte, sie anzuglotzen oder Leute, die an sich labil und verunsichert wirkten. Da muss man sich schon einen aussuchen, der stabil und ebenbürtig ist, erst dann kann man den Druck der Norm spüren, erst dann ist es eine Herausforderung. Wirklich interessant wird es dann, wenn du an jemanden gerätst, der nicht die Augen niederschlägt, aus dem Fenster starrt oder den Blick auf die Gleise heftet, dich bewusst ignoriert und so tut als wäre nichts, jemand, der deinem Blick standhält. Da baut sich sehr schnell sehr viel zwischenmenschliche Spannung auf und man muss sich sehr beherrschen, selber nicht wegzuschauen. Das ist aber wirklich die Ausnahme, eher wird man noch angesprochen und gefragt, was das denn solle. Ein anderes Kapitel ist dann das Flirten mit den Augen ...

Und hier noch eine Lektion für Fortgeschrittene. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich habe ständig irgendwelche Melodien im Kopf und ich meine jetzt nicht irgendwelche Ohrwürmer, die in meinem Kopf Inzest treiben, sondern so richtige eigenständige, kaleidoskopartige Melodiegebilde und Variationen. Keine Ahnung, woher das kommt, aber ich könnte ständig vor mich hinsummen und mir auf diese Art die Zeit vertreiben. Gerade, wenn ich allein irgendwo warten muss, empfinde ich das als sehr angenehm und kurzweilig, ja, dieses Summen versetzt meinen ganzen Körper in so einen wohligen und innerlich ausgeglichenen Zustand. Aber versuch das mal, wenn neben dir an der Straßenbahnhaltestelle jemand steht oder wenn du allein und eingezwängt zwischen irgendwelchen Menschen mit müden Gesichtern im Abteil sitzt!

;-) gelb :-)
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

Chialandra
Sphinx
Beiträge: 112
Registriert: 13.07.2003, 06:38

Re: Oh, so ein Morgen :-)

Beitragvon Chialandra » 30.11.2003, 18:33

huhuu Gelb :-)

Versuch mal, wenn du das nächste mal allein mit dem Zug unterwegs bist, das durchzuziehen und du wirst merken, wie stark der Druck der Norm ist.


Naaa, glaubt da jemand ich kann nur inner Gruppe lachen? *fg* Nein, ernsthaft.. ich weiß was du meinst, aber ich hab kein Problem damit zu lachen wenn ich alleine bin. Was mir manchmal passiert, dass ich einen lustigen Gedanken habe und anfangen muss zu lachen, dann stelle ich mir die Frage: Was denken die denn nun wenn ich hier grundlos loslache. Das Ganze wird dann aber so lustig dass ich nicht mehr aufhören kann. Einmal ist mir das in nem 6er Abteil passiert, und klar die haben mich richtig bescheuert angesehen.
Zu Zweit lachen ist also wirklich einfacher, angenehmer.. was mich allerdings nicht daran hindert alleine loszulachen.

Dir wäre es wahrscheinlich auch unangenehm, wenn da ein alter Mann sitzen würde, der dich die ganze Zeit anstarrt und verschmitzt grinst.


Ja mal ernsthaft, wie würdest du reagieren? Dir wirklich Gedanken über deine Frisur machen? :-& Das hört sich jetzt so sehr nach "Ich bin da anders" an, aber ich würde zurück grinsen. :-D
Naja und wenn mich offensichtlich jemand auslacht frag ich was es zu lachen gibt. Darauf bekommt man selten eine ehrliche Antwort.

Ich komm ja aus so nem kleinen Kuhkaff, aber dort sind wir nur zugezogen, was uns von Anfang an zum Gerüchtepunkt des ganzen Ortes gemacht hat, zudem eben noch eine 8 köpfige Familie.. da fragt sich so mancher ureinwohner, was meine Eltern den ganzen Tag gemacht haben, ausser zu *piep*. Insgesamt war ich schon drei mal schwanger dort und habe abgetrieben, einmal von einem Kerl den ich nie berührt hab ;-)
Ich hab mir also abgewöhnt, mir Gedanken darüber zu machen was irgendwer von mir denkt der mich nicht kennt, der kann denken was er möchte.
Und dass ich eben Leute auch auslache.. naja nett ist es nicht, das weiß ich ja.. hindert mich aber nicht daran es weiter zu tun.

Ich bin ein schlechter Mensch könnte nun wer behaupten, gut dann bin ich das.. dieser jemand würde auch sicher sagen ihm kommt es bei anderen nicht aufs Aussehen an, nur der Charakter zählt. Die größte Lüge die ich kenne. Zumindest wenn es aufs erste Aufeinandertreffen bezogen ist. Niemand wird ein Gespräch mit einem anderen anfangen, der ihm vom äußerlichen her überhaupt nicht gefällt. Ich für meinen Teil würde es nicht machen, und ich glaube es auch niemandem der mir erzählen will dass er es so handhaben würde.

Ziemlich oberflächlich das Ganze...
Intelligenz, behaupten die Intelligenten, ist die Fähigkeit, sich der Situation anzupassen. Wenn du ein Buch verkehrt in die Hand genommen hast, lerne, es verkehrt zu lesen. (Wieslaw Brudzinski)


Zurück zu „Epilog“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 26 Gäste