Vor ein paar Tagen war ich bei einem Bäcker hier in der Nähe und habe Brötchen gekauft. Mohnbrötchen, um genauer zu sein. Finde ich richtig lecker. Nicht, dass Sie mich missverstehen: ich bin ganz sicher keiner von diesen Typen, die sich um Mitternacht an ihren Computer setzen, um über Mohnbrötchen zu philosophieren. Dennoch muss festgehalten werden, dass meine Lieblings-Bäckerei an der Horner Rennbahn ganz außergewöhnlich leckere Mohnbrötchen macht. Schmecken toll.
Ich bestellte also diese schmackhaften Mohnbrötchen (wirklich vorzüglich, noch ganz frisch!) und die Bäckersfrau packte sie mir ein. Ich zahlte, sie gab mir umständlich – während ich schon verstohlen begann in die Tüte zu grabschen und versonnen auf abgekratzten Mohnkörnern herum zu kauen - mein Wechselgeld und wünschte mir „Einen schönen Tag noch“. Ich erwiderte „Ihnen auch“ und verließ den Laden.
Wo liegt hier der Fehler? Jedenfalls nicht bei den Mohnbrötchen, so viel ist mal klar. Mit dieser leckeren Erdbeermarmelade, die ich vorher bei einem großen deutschen Discounter besorgt hatte, war mir ein göttliches Frühstück vergönnt. Gott, ich verstehe überhaupt nicht dieses ganze Bio-Geschwafel. Bio hier, Bio da, gesund, gesund, gesund. Gegen so einen richtig stinkenden
Chemieerdbeermarmeladencocktail kann die Natur doch eh nichts ausrichten und Mohnbrötchen wachsen auch nicht auf den Bäumen.
Aber an den Bäumen liegt es nicht, sondern an der Konvention. Hätten Sie es gemerkt? Diese Grußformelaustauscherei, das geht natürlich alles automatisch. In der Soziologie (und nicht nur da) sagt man „Konvention“ dazu. In bestimmten Situationen hat man sich in der Öffentlichkeit so und so zu verhalten. Es wäre unhöflich gewesen, wenn mir die Bäckersfrau keinen "schönen Tag" gewünscht hätte. Ebenso wäre es als unhöflich eingestuft worden, wenn ich ihr das nicht auch gewünscht hätte.
Aber vielleicht finde ich sie gar nicht symphatisch? Vielleicht passt mir ihr Haarschnitt nicht? Oder ich hasse den Laden und gehe da nur hin, weil bestimmte Brötchenprodukte eine höhere Qualität aufweisen als in anderen vergleichbaren Etablissements? Pillepalle! Selbst wenn das stimmen würde nimmt die Konvention darauf keine Rücksicht. Sie ist von unerbittlicher Geltung.
Sie können sie allerdings variieren. Sie können einen „sehr schönen Tag“ wünschen, einen „besonders schönen Tag“ oder einfach nur „Danke“ sagen und so tun, als impliziere dies bereits den Gegenwunsch. Es gibt sicher weitere Variationsmöglichkeiten. Sie dürfen sich sogar verweigern und brummelig den Laden verlassen, wenn Sie mit bösen Blicken leben können, nur eines dürfen Sie nicht: sich der Konvention entgegenstellen oder sie zum Thema machen!
Sie sagen also niemals „Ihnen nicht“ und Sie beginnen auch keine Diskussion über Grußformeln mit der Bäckersfrau. Das ist ein soziologisches Gesetz, sichert den sozialen Frieden und eine schnelle, ökonomisch vorteilhafte Bedienung. Klingt vernünftig!
Aber was wiederum ist schon Vernunft? Ganze Heerscharen von bösen Menschen haben sich stark ihrer Vernunft bedient und ganze Armeen von freundlichen Individuen noch emphatischer ihren Emotionen. Umgekehrt ebenso. Alles relativ also und nichts von Natur aus gut – außer Roger Willemsen.
Was also, wenn Sie es wagen? Kaufen Sie irgendwas in ihrer Lieblings-Bäckerei (Mohnbrötchen!) und wenn die üblichen Ablaufe fast gelaufen sind und Sie nur noch konventionell das Ende der kurzzeitigen Sozialbeziehung einläuten müssen, sagen Sie folgendes: „Es tut mir leid, ich wünsche Ihnen keinen schönen Tag. Aber auch keinen Schlechten. Ich wünsche Ihnen in den nächsten drei Tagen eine durchschnittliche Existenz. Allerdings „durchschnittlich“ nicht in dem Sinne, wie Sie es vielleicht verstehen. Sie sollen nicht träge vor sich hin leben, sondern Phantastisches und Schlimmes erleben, Berauschendes und Qualvolles. Der ganze Facettenreichtum menschlichen Lebens soll in ihr Dasein dringen und nach diesen drei Tagen sollen Sie nie wieder so sein wie zuvor. Glücklich werden Sie sein, denn Sie werden gelebt haben. So wie John Keating es zitiert, so sollen Sie in den Wäldern unserer Zeit existiert haben.“
Blicken Sie die Bäckersfrau dabei fest an und sprechen Sie mit ruhiger, klarer, sachlicher und lauter Stimme. Machen Sie klar, dass nichts und niemand Sie unterbrechen wird. Wenn Sie sich Teile des Textes nicht merken können, füllen Sie diese Stellen auf, indem Sie vertrauensselig zwinkernd „So ist es doch!“ rufen und anschließend fortfahren. Und wenn Sie geendet haben, verbeugen Sie sich vor der Bäckersfrau.
Was dann passiert?
Probieren Sie es einfach aus – beim Bäcker ihres Vertrauens.
Beim Bäcker ihres Vertrauens
Beim Bäcker ihres Vertrauens
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)
Re: Beim Bäcker ihres Vertrauens
der text gefällt mir von all deinen bisher am allerbesten, lieber ham.
er ist urkomisch, obwohl das womöglich nichtmal seine erste intention ist ...
ich kenne ein ähnliches problem: ein freund oder eine freundin will sich bei mir ausheulen, weil er oder sie irgendwo eine niederlage erlebt hat, die ich schon lange habe kommen sehen, die mir also nicht verwunderlich erscheint, weil der- oder diejenige mir vorkam wie jemand, der direkt gegen eine wand läuft, entweder in dem festen glauben, diese wand tatsächlich durchdringen zu können, oder weil er sie partout nicht sehen wollte ... und nun soll ich trösten.
aber wie? dass da eine wand war? böse wand! oder soll ich sagen, dass diese wand schon länger dort steht, dass er oder sie diese nur nicht gesehen hat? das wäre aber kritik an deren oder dessen verhalten, und darauf reagiert so mancher pikiert.
wenn ich meine wahrheit sage, dann werde ich womöglich gar attackiert: du bist kein echter freund!
sage ich nicht die wahrheit und lasse mich als tränenkissen benutzen, das liebevoll jeden zarten nassen tropfen ohne widerspruch aufsaugt, werde ich zurückgeliebt ... was mir emotional selbst recht gut tut, aber andererseits weiß ich auch, dass ich hier letztlich heuchle.
oder? ist das heucheln?
hier sind wir wieder bei der backwarenverkäuferin. heuchelt man?
was wäre, wollte man immer die wahrheit sagen?
ich glaube, am öftesten gelogen wird auf die frage: "na, wie gehts?" ich habe mich ertappt, dass ich quasi im gleichen moment dem HERRN A diese antwort gebe, der DAME B aber eine gänzlich andere, je nach verhältnis zu diesen und vorgeschichte.
er ist urkomisch, obwohl das womöglich nichtmal seine erste intention ist ...
ich kenne ein ähnliches problem: ein freund oder eine freundin will sich bei mir ausheulen, weil er oder sie irgendwo eine niederlage erlebt hat, die ich schon lange habe kommen sehen, die mir also nicht verwunderlich erscheint, weil der- oder diejenige mir vorkam wie jemand, der direkt gegen eine wand läuft, entweder in dem festen glauben, diese wand tatsächlich durchdringen zu können, oder weil er sie partout nicht sehen wollte ... und nun soll ich trösten.
aber wie? dass da eine wand war? böse wand! oder soll ich sagen, dass diese wand schon länger dort steht, dass er oder sie diese nur nicht gesehen hat? das wäre aber kritik an deren oder dessen verhalten, und darauf reagiert so mancher pikiert.
wenn ich meine wahrheit sage, dann werde ich womöglich gar attackiert: du bist kein echter freund!
sage ich nicht die wahrheit und lasse mich als tränenkissen benutzen, das liebevoll jeden zarten nassen tropfen ohne widerspruch aufsaugt, werde ich zurückgeliebt ... was mir emotional selbst recht gut tut, aber andererseits weiß ich auch, dass ich hier letztlich heuchle.
oder? ist das heucheln?
hier sind wir wieder bei der backwarenverkäuferin. heuchelt man?
was wäre, wollte man immer die wahrheit sagen?
ich glaube, am öftesten gelogen wird auf die frage: "na, wie gehts?" ich habe mich ertappt, dass ich quasi im gleichen moment dem HERRN A diese antwort gebe, der DAME B aber eine gänzlich andere, je nach verhältnis zu diesen und vorgeschichte.
Re: Beim Bäcker ihres Vertrauens
Ach, ich steh ja eigentlich auf Konventionen. Sie liefern erst die Folie für das Besondere. Und außerdem:
Ohne Regeln keine Spiele, ohne Spiele kein Spaß.
Aber dein unkonventioneller Abschiedswunsch an die Bäckerin ist natürlich sehr schön.
Ohne Regeln keine Spiele, ohne Spiele kein Spaß.
Aber dein unkonventioneller Abschiedswunsch an die Bäckerin ist natürlich sehr schön.
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)
Re: Beim Bäcker ihres Vertrauens
Moin ihr Beiden,
@Glaukos
Danke. Es freut mich, nach langer Zeit mal wieder etwas geschrieben zu haben, was mir selbst und einem geschätzten Anderen gefällt.
Dass von dir beschriebene Problem mit Freund/Freundin und Wand (übrigens auch prima beschrieben, besonders „böse wand!“ kommt richtig gut!) kenne ich auf dieser und vielen anderen Ebenen sehr gut. Ich bin grundsätzlich dafür, die Wahrheit zu sagen, dies allerdings verständlich und ohne Holzhammermethode. Mist, das klingt schon wieder nach so einer öligen Diplomatie, also gebe ich zu: ich habe auch keine Lösung, nicht einmal Kant will mir hier helfen. Ich entscheide so was je nach Einzelfall.
Bei der Backwarenverkäuferin ist es mittlerweile so, dass ich nach ihrem „Danke“ (auf mein „Ihnen auch!“) den Laden verlasse und wahlweise dialogisch „Bitte“, „Danke für das Bitte“, „Bitte für das Danke“ murmele oder meinen Wunsch in Gedanken zurücknehme und mir ausdenke und vorspreche, was jetzt lustig käme. Dieses Art Unkonventionalismus ist selbst schon zu meiner Konvention geworden und täuscht nur dürftig über meine mangelnde Lösungskompetenz hinweg.
Immer die Wahrheit sagen wäre übrigens fürchterlich – meint zum Beispiel Dirk. Ich bin mir da gar nicht so sicher. Neulich habe ich mit einer Freundin rumgesponnen, dass es eine Woche im Jahr geben müsste, wo sich alle Menschen in einer Gesellschaft gnadenlos die Wahrheit sagen. Alles, was sie ihrem sozialen Umfeld immer schon mal sagen wollten. Keiner muss in dieser Woche arbeiten und das Ganze soll immer vom 16.12 – 23.12. stattfinden – danach kann dann an Weihnachten Versöhnung gefeiert werden.
Auf das „Wie geht’s?“ antworte ich übrigens auch genau wie du, nur verhaspele ich mich manchmal in meinen Varianten. Aus „Letztes Mal gings noch“ wird bald „Dieses mal geht’s noch“ oder „Geht durchaus besser“, was dann fragende Gesichter hinterlässt.
@mög
Sehr klug kommentiert. Den Spielaspekt hatte ich noch gar nicht im Blick.
Und generell stehe ich eigentlich auch auf Konventionen, denn es stimmt:
Wären die anderen Menschen nicht so furchtbar konventionell, würde mein unkonventionelles Verhalten gar nicht auffallen. Es gibt eine coole Simpsons-Folge, wo alle wie Bart sein wollen und nach dem Spruch „Ich tu, wonach mir ist“ leben. Die Stelle, als Lisa dem somit bald uncoolen Bart erklärt, nun sei seine „soziologische Nische halt übervölkert“ gehört zu den Glanzlichtern des amerikanischen Fernsehens.
Unkonventionelle Grüße aus dem Dunkel eines Fischbauchs,
Hamburger
@Glaukos
Danke. Es freut mich, nach langer Zeit mal wieder etwas geschrieben zu haben, was mir selbst und einem geschätzten Anderen gefällt.
Dass von dir beschriebene Problem mit Freund/Freundin und Wand (übrigens auch prima beschrieben, besonders „böse wand!“ kommt richtig gut!) kenne ich auf dieser und vielen anderen Ebenen sehr gut. Ich bin grundsätzlich dafür, die Wahrheit zu sagen, dies allerdings verständlich und ohne Holzhammermethode. Mist, das klingt schon wieder nach so einer öligen Diplomatie, also gebe ich zu: ich habe auch keine Lösung, nicht einmal Kant will mir hier helfen. Ich entscheide so was je nach Einzelfall.
Bei der Backwarenverkäuferin ist es mittlerweile so, dass ich nach ihrem „Danke“ (auf mein „Ihnen auch!“) den Laden verlasse und wahlweise dialogisch „Bitte“, „Danke für das Bitte“, „Bitte für das Danke“ murmele oder meinen Wunsch in Gedanken zurücknehme und mir ausdenke und vorspreche, was jetzt lustig käme. Dieses Art Unkonventionalismus ist selbst schon zu meiner Konvention geworden und täuscht nur dürftig über meine mangelnde Lösungskompetenz hinweg.
Immer die Wahrheit sagen wäre übrigens fürchterlich – meint zum Beispiel Dirk. Ich bin mir da gar nicht so sicher. Neulich habe ich mit einer Freundin rumgesponnen, dass es eine Woche im Jahr geben müsste, wo sich alle Menschen in einer Gesellschaft gnadenlos die Wahrheit sagen. Alles, was sie ihrem sozialen Umfeld immer schon mal sagen wollten. Keiner muss in dieser Woche arbeiten und das Ganze soll immer vom 16.12 – 23.12. stattfinden – danach kann dann an Weihnachten Versöhnung gefeiert werden.
Auf das „Wie geht’s?“ antworte ich übrigens auch genau wie du, nur verhaspele ich mich manchmal in meinen Varianten. Aus „Letztes Mal gings noch“ wird bald „Dieses mal geht’s noch“ oder „Geht durchaus besser“, was dann fragende Gesichter hinterlässt.
@mög
Sehr klug kommentiert. Den Spielaspekt hatte ich noch gar nicht im Blick.
Und generell stehe ich eigentlich auch auf Konventionen, denn es stimmt:
Sie liefern erst die Folie für das Besondere
Wären die anderen Menschen nicht so furchtbar konventionell, würde mein unkonventionelles Verhalten gar nicht auffallen. Es gibt eine coole Simpsons-Folge, wo alle wie Bart sein wollen und nach dem Spruch „Ich tu, wonach mir ist“ leben. Die Stelle, als Lisa dem somit bald uncoolen Bart erklärt, nun sei seine „soziologische Nische halt übervölkert“ gehört zu den Glanzlichtern des amerikanischen Fernsehens.
Unkonventionelle Grüße aus dem Dunkel eines Fischbauchs,
Hamburger
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)
Re: Beim Bäcker ihres Vertrauens
die woche der wahrheit - lieber hamburger, warum nicht erstmal eine stunde? setz dich mit einem guten freund oder einer guten freundin irgendwo an ein ruhiges plätzchen und spiel das spiel, dass man auf jede frage immer die reine wahrheit sagen muss ... es ist fürchterlich, glaub mir.
mit 20 war ich in eine angehende schauspielerin verliebt. und zwar SOWAS von verliebt. kein wunder, angehende schauspielerinnen sind im erwecken solcher emotionen überaus versiert ...
mit ihr wollte ich nun das wahrheitsspiel spielen. wir beschlossen, unsere begegnung von anfang an zu rekonstruieren, ein dialog im steten abwechsel. und jeder war verpflichtet, die wahrheit zu sagen ... es war eine meiner härtesten lebensstunden, ohne übertreibung ... die wahrheit ist die grausamste von allen.
warum sagen wir dem A dies und dem B jenes, obwohl es sich um die selbe sache handelt? weil wir ihn bescheißen wollen, uns einen vorteil verschaffen möchten? oder weil wir ihn schonen wollen? weil wir meinen, dass er uns dann besser verstehen kann? weil wir seinen horizont abschätzen und folglich gewissermaßen mit dessen horizont oder vorwissen kommunizieren?
es wäre schon deshalb schwer, durch die welt zu laufen und immer das auszuplaudern, was gerade die wahrheit ist - weil die wahrheit selbst kaum zu fassen ist.
wenn mich nur jemand fragte: 'wie wäre es, wenn alle menschen die wahrheit sagen würden?'
dann würde da blitzschnell etwas in meinem gehirn passieren, ich würde überlegen, vielleich schon zu antworten beginnen und beim antworten immer noch weiterdenken, ich agiere schon und gleichzeitig beobachte ich das, was ich da tue, ich rede, und manchmal merke ich an dem gesicht des gegenübers, dass er etwas nicht versteht, also erkläre ich es noch, ich passe mich also ständig an die situation an, in der ich mich befinde, ich schließe nicht die augen und robotere meine automatisch entstehenden sätze herunter.
man kann das auch einfühlung nennen. oft kann man auch jemanden schonen, der verletzt sein würde, wenn man ihm sagen würde, was man von leuten wie ihm eigentlich hält.
aber warum denkt man von ihm so schlecht? eigentlich meint man es gar nicht bös. um das aber wieder zu erklären, damit der andere nicht sauer ist, benötigte man viel erklärungszeit. weil die meist fehlt, agiert man vorsichtig - nicht immer, um den anderen bewusst zu täuschen, zu belügen, auch um ihn zu schonen.
deine woche der wahrheit wäre auch eine woche der grausamkeit. vermutlich würden mehr tränen fließen als im ganzen übrigen jahr.
wiewohl das auch katharsische wirkung haben könnte, wenn man es gruppentherapeutisch betrachtet ... es könnte aber auch sein, dass uns atombomben um die ohren fliegen
mit 20 war ich in eine angehende schauspielerin verliebt. und zwar SOWAS von verliebt. kein wunder, angehende schauspielerinnen sind im erwecken solcher emotionen überaus versiert ...
mit ihr wollte ich nun das wahrheitsspiel spielen. wir beschlossen, unsere begegnung von anfang an zu rekonstruieren, ein dialog im steten abwechsel. und jeder war verpflichtet, die wahrheit zu sagen ... es war eine meiner härtesten lebensstunden, ohne übertreibung ... die wahrheit ist die grausamste von allen.
warum sagen wir dem A dies und dem B jenes, obwohl es sich um die selbe sache handelt? weil wir ihn bescheißen wollen, uns einen vorteil verschaffen möchten? oder weil wir ihn schonen wollen? weil wir meinen, dass er uns dann besser verstehen kann? weil wir seinen horizont abschätzen und folglich gewissermaßen mit dessen horizont oder vorwissen kommunizieren?
es wäre schon deshalb schwer, durch die welt zu laufen und immer das auszuplaudern, was gerade die wahrheit ist - weil die wahrheit selbst kaum zu fassen ist.
wenn mich nur jemand fragte: 'wie wäre es, wenn alle menschen die wahrheit sagen würden?'
dann würde da blitzschnell etwas in meinem gehirn passieren, ich würde überlegen, vielleich schon zu antworten beginnen und beim antworten immer noch weiterdenken, ich agiere schon und gleichzeitig beobachte ich das, was ich da tue, ich rede, und manchmal merke ich an dem gesicht des gegenübers, dass er etwas nicht versteht, also erkläre ich es noch, ich passe mich also ständig an die situation an, in der ich mich befinde, ich schließe nicht die augen und robotere meine automatisch entstehenden sätze herunter.
man kann das auch einfühlung nennen. oft kann man auch jemanden schonen, der verletzt sein würde, wenn man ihm sagen würde, was man von leuten wie ihm eigentlich hält.
aber warum denkt man von ihm so schlecht? eigentlich meint man es gar nicht bös. um das aber wieder zu erklären, damit der andere nicht sauer ist, benötigte man viel erklärungszeit. weil die meist fehlt, agiert man vorsichtig - nicht immer, um den anderen bewusst zu täuschen, zu belügen, auch um ihn zu schonen.
deine woche der wahrheit wäre auch eine woche der grausamkeit. vermutlich würden mehr tränen fließen als im ganzen übrigen jahr.
wiewohl das auch katharsische wirkung haben könnte, wenn man es gruppentherapeutisch betrachtet ... es könnte aber auch sein, dass uns atombomben um die ohren fliegen
Re: Beim Bäcker ihres Vertrauens
ach, den noch:
auf "na wie gehts?" antworte ich gelegentlich:
"abgesehen von all dem schlechten gehts mir prima!"
(frei nach al bundy: das leben ist schön - aber nicht für mich ...)
auf "na wie gehts?" antworte ich gelegentlich:
"abgesehen von all dem schlechten gehts mir prima!"
(frei nach al bundy: das leben ist schön - aber nicht für mich ...)
Re: Beim Bäcker ihres Vertrauens
http://www.sueddeutsche.de/leben/343/312259/text/
es gibt sie sogar schon, deine woche der wahrheit ...
es gibt sie sogar schon, deine woche der wahrheit ...
Re: Beim Bäcker ihres Vertrauens
Ich bin geplättet. Großartiges Experiment und ein fantastischer, differenzierter Text mit interessantem Ende. Vielen Dank für diesen Link. Damit will ich mich wirklich näher beschäftigen.
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)
Re: Beim Bäcker ihres Vertrauens
Wahrheit wird übrigens meiner Meinung nach mitunter überbewertet. Klar, die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, aber genau das ist sie eben manchmal: eine Zumutung. Und man braucht sich nicht einreden, dass man irgendjemand damit einen Gefallen tut.
Um zum Wand-Beispiel zurückzukommen: Natürlich ist das eine blöde Situation. Und wenn der Freundin/die Freundin nun plant, das Rennen gegen Wände (bzw den Kampf gegen Windmühlen) zur Lebensaufgabe zu machen, dann ist wohl tatsächlich ein Wort der Wahrheit angebracht. In der Regel ist aber nach einer Niederlage die Sache aus und gegegessen und die Person hat erstmal einfach nur das Bedürfnis sich in aller Ruhe auszukotzen (Reflektionsphase kann man ja, wann's is, nachher immer noch anhängen, wenn man etwas Distanz gewonnen hat). Aber in der ersten Emotionalen-Auskotz-Phase ist ein "Ich hätt dir's gleich sagen können" vom Gegenüber wirklich entbehrlich.
Am Ende ist das, was wir hier Wahrheit nennen, ja schließlich auch nur eine - vermutlich realistischere, weil von einem Unbeteiligten Dritten kommende, aber deswegen letztlich nach wie vor subjektive - Einschätzung der Situation, und mit der kann man ja durchaus auch mal hinterm Berg halten. Man muss nicht überall seinen Senf dazugeben.
Jammern ist ja immer problematisch. Man bringt damit das Gegenüber in eine Lose-Lose-Situation. Entweder das Gegenüber sagt, jaja, das ist alles wirklich extrem furchtbar und der Jammernde wird noch depressiver und das Gegenüber versuchts mit aufmunterndne Worten, à la "Das wird schon" und der Jammernde fühlt sich in seinem Leid nicht ernst genommen. Man kann in so einer Situation eigentlich nichts Richtiges sagen.
Das ist aber letztlich auch scheiß egal, was man sagt. Wichtig ist nur, dass man zu hört. Wie gesagt, beim Jammern gehts nur ums Auskotzen, man braucht da eigentlich gar keine Weisheiten vom Gegenüber. Deswegen sind in so einer Situation manchmal hohle Phrasen - die aber immerhin Zuhörbereitschaft signalisieren - gefragter als irgendwelche geistreichen Bonmots. Und hier aus reiner Prinzipientreue die Wahrheit zu sagen, das wäre die wahre Heuchelei, denn es ginge einem dabei gewiss nicht um das Interesse des Gegenübers sondern nur um den narzisstischen Wunsch, einem gewissen Selbstbild zu entsprechen.
Um zum Wand-Beispiel zurückzukommen: Natürlich ist das eine blöde Situation. Und wenn der Freundin/die Freundin nun plant, das Rennen gegen Wände (bzw den Kampf gegen Windmühlen) zur Lebensaufgabe zu machen, dann ist wohl tatsächlich ein Wort der Wahrheit angebracht. In der Regel ist aber nach einer Niederlage die Sache aus und gegegessen und die Person hat erstmal einfach nur das Bedürfnis sich in aller Ruhe auszukotzen (Reflektionsphase kann man ja, wann's is, nachher immer noch anhängen, wenn man etwas Distanz gewonnen hat). Aber in der ersten Emotionalen-Auskotz-Phase ist ein "Ich hätt dir's gleich sagen können" vom Gegenüber wirklich entbehrlich.
Am Ende ist das, was wir hier Wahrheit nennen, ja schließlich auch nur eine - vermutlich realistischere, weil von einem Unbeteiligten Dritten kommende, aber deswegen letztlich nach wie vor subjektive - Einschätzung der Situation, und mit der kann man ja durchaus auch mal hinterm Berg halten. Man muss nicht überall seinen Senf dazugeben.
Jammern ist ja immer problematisch. Man bringt damit das Gegenüber in eine Lose-Lose-Situation. Entweder das Gegenüber sagt, jaja, das ist alles wirklich extrem furchtbar und der Jammernde wird noch depressiver und das Gegenüber versuchts mit aufmunterndne Worten, à la "Das wird schon" und der Jammernde fühlt sich in seinem Leid nicht ernst genommen. Man kann in so einer Situation eigentlich nichts Richtiges sagen.
Das ist aber letztlich auch scheiß egal, was man sagt. Wichtig ist nur, dass man zu hört. Wie gesagt, beim Jammern gehts nur ums Auskotzen, man braucht da eigentlich gar keine Weisheiten vom Gegenüber. Deswegen sind in so einer Situation manchmal hohle Phrasen - die aber immerhin Zuhörbereitschaft signalisieren - gefragter als irgendwelche geistreichen Bonmots. Und hier aus reiner Prinzipientreue die Wahrheit zu sagen, das wäre die wahre Heuchelei, denn es ginge einem dabei gewiss nicht um das Interesse des Gegenübers sondern nur um den narzisstischen Wunsch, einem gewissen Selbstbild zu entsprechen.
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)
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