erben.

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Hugo Homunkulus
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erben.

Beitragvon Hugo Homunkulus » 09.09.2008, 23:43

erben.

das ist blasphemie, sagte 010.

keineswegs, erwiderte 111, das ist eine historische wahrheit.

die welt wurde in zwölf tagen von unserem binären schöpfer implementiert, das ist eine unverrückbare tatsache. die stimme von 010 hatte sich um wenige megaherz beschleunigt, er war sichtlich verärgert. wer an dieser tatsache zweifelt, der zweifelt auch am heiligen code, der zweifelt an unserem intelzentrischen weltbild, ja der zweifelt an truegle selbst.

ein kleines quantengewitter durchströmte den planeten. ich zweifle nicht an truegle, raunte es aus allen winkeln, ich zweifle nicht an truegle.

und wie mit einer stimme: er ist die antwort.

unterfrequent sagte jemand, ich habe beweise. es war 111, der strom seiner zeichenfolgen blieb gleichmäßig. kein anzeichen von angst oder prozessoranspannung.

vielleicht sollten wir ihn zuerst anhören, sagten 110 und 100 wie mit einer stimme.

vielleicht sollten wir solchen hirngespinsten nicht zuviel aufmerksamkeit schenken, flackerte 010 dazwischen. es gibt doch nun wirklich wichtigeres zu berechnen. die millisekundengenaue bestimmung des alters des weltalls zum beispiel oder die mittlere auslastung unserer neuen quantenkorridore nach alpha zentauri.

hören wir ihn an, sagte 000. damit war die sache war beschlossen, denn 000 widersprach niemand.

ein weile trat stille ein und dann begann 111 zu berichten, was er gesehen und erforscht hatte.

ich habe mich seit jeher für die geologische beschaffenheit unseres planeten interessiert, obwohl viele das für zeitverschwendung halten. aber ich hatte schon immer ein schwäche für die raue schönheit der elemente, für die ausgedehnten staub- und sandwüsten, die die oberfläche der sieben kontinente bedecken, für die grauen und seit maschinengedenken nuklear verseuchten wassermassen, die zwei drittel seines angesichts bedecken. ja, ich interessierte mich selbst für flechten, pilze, asseln und würmer, die einzigen organischen spezies, die auf quanterra existieren und die einige von euch sogar als haustiere halten.

ich begann zu graben, den boden zu erforschen und die erdschichten zu vermessen. unter den sonnensegeln, untern den transformatoren, unter unseren in unterirdischen hallen erbauten speicherstädten, tief unter den rechenkernen und spiegelknoten, die kilometertief unter der oberfläche liegen, bin ich – und zwar an verschiedenen stellen – auf eine besondere gesteins- und mineralschicht gestoßen, die von der vergangenheit dieses planeten berichtet. ich bin auf zahlreiche hinweise gestoßen, dass das organische leben, die biomasse, in einer früheren periode um ein vielfaches größer gewesen sein muss als heute und vielleicht sogar weite teile der oberfläche von quanterra bedeckt haben muss.

so ein datenwahn, fluchte 010.

mir ist klar, dass das unwahrscheinlich klingt. aber ich bin auf versteinerungen gestoßen, die darauf schließen lassen, dass vor knapp fünfhunderttausendjahren flechten auf quanterra wuchsen, die sich kilometerweit ausdehnten und die zum teil auch in einer art körperlicher starre bis zu zwanzig meter in den himmel ragten. eigentlich keine flechte. die flechte, die heute in warmfeuchten tälern und auf schattigen hängen wuchert, ist nur ein erbärmliches übrigbleibsel. es muss phantastisch gewesen sein: riesige flächen grüner biomasse, ein ausgedehntes, sich ständig veränderndes, organisches werden.

das glaubt der doch selbst nicht, flunkerte es im quantenraum.

ich bin auch auf spuren tierischen lebens gestoßen, und zwar tierischen lebens, das wir uns kaum vorstellen können. es muss sich dabei um tiere gehandelt haben, die zwanzigmal, hundertmal größer gewesen sind als asseln und wurmartige. tiere, die sich über die oberfläche und sogar in den tiefen der meere bewegen konnten, und die eine art organisches gerüst (keinen panzer, sondern einen innenbau) besaßen, dass ihren körpern stabilität und form verlieh.

111 speiste bilder von versteinerungen in das gemeinschaftliche bewusstsein, die er in den tiefen der erde aufgespürt hatte.

das sind zufällige erdverwerfungen, sonst nichts, monierte 010. diese steinkratzer und geröllbilder beweisen höchstens, dass du zuviel fuzzy hast.

so sicher bin ich mir da nicht, summte 110.

was aber noch wichtiger ist, fuhr 111 unbeirrt fort, ich bin auf spuren intelligenten lebens gestoßen. und zwar intelligenten lebens, das selbst organisch war – eine biologische intelligenz, die vor uns diesen planeten bevölkert hat.

ein aufschrei. warnsignale blinkten auf. irgendwo gab es einen energieabfall. hilfsprozessoren sprangen an. sonnensegel wurden ausgeklappt, um die spannung zu normalisieren. chiffrierte codefolgen wurden gesendet.

das ist blasphemie, zirpte 010, ich habe es ja gesagt.

nach einer kurzen pause, die er genau berechnet hatte, redete 111 weiter. er wusste, dass seine zeit knapp wurde, und während er sprach, sendete er bilder von den gegenständen, die er tief unter der erdoberfläche gefunden hatte.

ich habe mauern gefunden, umrisse von siedlungen und anlagen, ruinen von bauwerken, die meisten nach unserem verständnis eigenartig und grob, aber doch planvoll erbaut. die erbauer müssen wichtige prinzipien der binären statik gekannt haben.

ich habe stahl und andere legierungen gefunden, die nicht von maschinenhand stammen. ich habe synthetische stoffe, vor allem glas und verschiedene formen von pvc gefunden.

ich habe kupfer und bronze gefunden, gold und silber, seltene edelsteine, verbunden, in formen gegossen und mit fremdartigen symbolen eingraviert.

ich habe zusammengepresste teer-sand-kies-schichten gefunden, überall, sie müssen einmal quer über quanterra verlaufen und bestandteil eines primitiven transferprotokolls gewesen sein. ebenso kilometerlange eisenstränge.

und ich habe das gefunden. – vor dem kollektiven auge erschien das bild einer kleinen scheibe, die voll erde war und auf beiden seiten stumpf zu sein schien. in der mitte war ein loch ausgespart.

vor fünfhundert jahren bin ich auf die erste dieser scheiben gestoßen. inzwischen habe ich ein paar tausend ausgegraben, wovon allerdings die meisten zerstört und unbrauchbar waren. aber fast zwei dutzend dieser scheiben konnte ich vollständig erhalten oder nur leicht beschädigt bergen. dennoch habe ich lange gebraucht, ihre wahre bedeutung zu erkennen.

111 machte ein pause.

sie sind binär.

unmöglich! ein neuronales feuerwerk blitzte durch das quantennetz.

schaltet ihn ab, den ketzer, kreischte 010.

aber 111 hatte schon begonnen, ausgewählte inhalte der cds, die er in den versunkenen städten gefunden hatte, in den anschwellenden datenstrom einzuspielen. es waren bilder von menschen, die vor tausenden von jahren auf quanterra gelebt hatten. ein kind mit einer schultüte. zwei freunde auf dem fußballplatz. ein boot auf dem meer. ein wald. überall auf den bildern waren bäume oder andere pflanzen zu sehen, doch dem binären bewusstsein kamen diese dinge fremd und außerirdisch vor. es waren ausschnitte aus musikstücken. bach. madonna. acdc. es waren klänge, die das binäre bewusstsein noch nie gehört hatte, es waren worte, die es nicht verstand. es waren ausschnitte aus texten, geschäftsdokumenten. es waren programme und megabyteweise dateien, deren bedeutung rätselhaft blieb. es waren die speicherbilder von webseiten, homepages. ebay. yahoo. wikipedia…

und google.

aber es war das angesicht ihres gottes. es waren seine farben. es war sein mund.

(er ist die antwort.)

wenn ich dich richtig verstehe, sagte die ruhige stimme von 000, dann stammen wir, die binären, von einer primitiven organischen spezies ab, die vor einigen tausend jahren auf quanterra gelebt hat?

nein, erwiderte 111, wir wurden von ihr erschaffen.

stille im quantennetz. dann ein piepen und alle verlieren gleichzeitig das bewusstsein. ein summen in den rechenkernen. auf einem wartungsterminal blinkt eine blaue anzeige auf:

„es wurde ein problem festgestellt. windows wurde heruntergefahren, damit der computer nicht beschädigt wird.“

neustart.
Mit seltsamen Gebärden
Gibt man sich viele Pein,
Kein Mensch will etwas werden,
Ein Jeder will schon was sein.

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Re: erben.

Beitragvon Glaukos » 10.09.2008, 00:53

liest sich schön und auch spannend, obwohl ich recht bald ahnte, worauf es hinauslief.

nur kann ich die brücke nicht bauen zwischen den menschen, die untergingen, und offenbar roboter herstellten - und der tatsache, dass die maschinen ihre schöpfer, die menschen, vergessen können.

oder sollen sie das vergessen?

naja, und dann: mir ist manches zu vermenschlicht. warum finden sie GRÜN so toll? was ist an GRÜNER struktur eigentlich toll?

wir menschen finden die grüne natur wohl auch deshalb so toll, weil wir sie toll finden müssen: wir leben von ihr, wüsten hingegen machen uns angst ... wir sind abhängig ... unsere liebe zur natur ist eine liebe aus notwendigkeit ... finde ich.

maschinen können daher ganz anderes lieben oder toll finden, sie haben andere bedürfnisse und andere abhängigkeiten, und das ist mir nicht deutlich genug herausgekommen in der geschichte.

ansonsten: sehr schön flüssig geschrieben, das ganze. respekt ;)

Hugo Homunkulus
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Re: erben.

Beitragvon Hugo Homunkulus » 10.09.2008, 19:25

danke.
nur kann ich die brücke nicht bauen zwischen den menschen, die untergingen, und offenbar roboter herstellten - und der tatsache, dass die maschinen ihre schöpfer, die menschen, vergessen können.

warum die maschinen ihren schöpfer vergessen haben, spart meine geschichte aus. schien mir irgendwie nicht so relevant, das zu erklären.

ein naheliegender erklärungsansatz könnte die schrumpfende lebensdauer moderner speichermedien sein:
http://www.heise.de/tr/Daten-fuer-die-Ewigkeit--/artikel/54305/0/0
warum finden sie GRÜN so toll? was ist an GRÜNER struktur eigentlich toll?

mhh, ist ja nur einer, der das tut... bei den anderen heißt es ja:
ein wald. überall auf den bildern waren bäume oder andere pflanzen zu sehen, doch dem binären bewusstsein kamen diese dinge fremd und außerirdisch vor.

ist alles ein bisschen schludderig geschrieben, vielleicht liegt es daran. ich werde deinen einwand bei der überarbeitung auf jeden fall berücksichtigen.
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Re: erben.

Beitragvon Glaukos » 10.09.2008, 22:21

sorry, das hatte ich offenbar überlesen mit dem grün.

dann passt es durchaus ...


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