Am Abgrund des Unglaubens
„Ich bin Gott!“
Sagt sie und blickt mit unübersehbarer Arroganz in seine Richtung.
„Das haben schon viele behauptet.“
Er nimmt seinen Kopf zurück und schiebt die geöffnete Faltmappe einige Zentimeter von sich.
„Von einem weiblichen Wesen hab ich´s zwar noch nie gehört, aber man hört alles irgendwann mal ein erstes Mal. Und: welche Beweise können sie für ihre…hm…etwas gewagte Behauptung erbringen, junge Frau?“
„Wollen Sie wissen wie es im Himmel aussieht?“
Ihre Augen blicken fragend und - diesmal – fast unschuldig in seine Richtung.
„Wenn, dann schon eher wie es dort drunten – unter uns – in der Hölle aussieht!“
Seine Mundwinkel krümmen sich – fast wie gegen seinen Willen - zu einem Schmunzeln in Richtung Ohren.
Der Mann kniet vorgebeugt im Rasen. Ein winziger Fuß, der in einem weißen Söckchen steckt, lugt an seinem rechten Knie vorbei. Das gesockte Füßchen ist schmutzig und das weiße Söckchen am oberen Rand schwarz gefleckt. Das winzige Schienbeinchen ist mit einer schwarzen Flüssigkeit verschmiert. Die Szenerie wäre farblos, wenn man davon absieht, dass Schwarz und Weiß Farben wären. Eine reine schwarz-weiße Szene also. Der Mann erhebt sich, wendet sich mit gebeugtem Kopf um. Der Körper des kleinen Mädchens ist für den Seher jetzt unverdeckt. Das Kind ist nackt bis auf die Socken an den Füßen. Ihr Körperchen ist übersät mit grauen Flecken und eine schwarze Flüssigkeit strömt in kleinen Rinnsalen träge aus ihrem mageren Brüstchen - ähnlich einer Quelle - die zu vielen winzigen Bächen wird. Der Mann ist von großem hagerem Körperbau. Wallendes weißes Haar umweht seinen Kopf als würde ein Wind sich in ihnen verfangen. Um sein Schulten gehängt – der finstere Talar eines Richters. Sein nackter Körper trübt fahl zwischen dem Umhang hervor, wie hinter den Teilen halb beiseite geschobener Vorhänge. Er hebt seinen Kopf. Blicklose Augen tasten in Richtung des geheimen Sehers. Schwarze Tropfen hängen viskos an seinen Lippen, ziehen langsam Linie neben Linie zum kantigen Kinn.
„Oh Gott - Vater!“.
Es ist seine eigene grelle Stimme, die ihn lautlos in Millionen Stücke zerreißt. Und er spürt, dass es seine Seele ist, die in diesem Moment verdorrt.
Sie lächelt ihn an, nickt ihm aufmunternd zu.
„Was denken sie nun, Doktor?“
Am Abgrund des Unglaubens
Am Abgrund des Unglaubens
Ich der ich weiß, nichts zu wissen, weiß, dass ich nichts weiß. (Sokrates)
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