A irre
Ich blicke auf blankgescheuerte Böden. Hin und wieder kommt einer rein und lässt einen Schwall Urin auf die Sauberkeit. Über was in der Welt soll ich mich jetzt noch wundern? Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wo ich mich befinde. Ich wollte noch einen Brief schreiben, einen letzten Brief. Einen Brief, der mein krankes Hirn säubern sollte. Aber ehrlich gesagt, ich finde mich in meinen Befindlichkeiten nicht zurecht. Es ist einfach zu peinlich, was mir in den letzten Wochen passiert ist. Und noch viel peinlicher ist, dass ich jetzt einfach so weggesperrt wurde. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ständig wird mein Gehirn überflutet von neuen Gedanken. Sie hetzen mich, stehlen mir meinen Boden, der da im Moment nicht blankgescheuert ist, sondern von einem Schwall Urin überflutet ist.
B vergangenheit vor irre
Dieser Abend vor vier vier Wochen ist eine Höhle, in die ich mein Leben lang verkriechen werde. Es war November und es regnete. Eigentlich kein Grund zur Sorge, aber ich wagte mich aus dem Haus. Ich wollte nur um den Block, mir ein Päckchen Zigaretten holen. Ich ging also diesen ewig langen Häuserblock bergab und schob dann meine Karte in den Automat. In dem Augenblick, als die Zigaretten nach unten fielen, blickte ich wie in einer Vorsehung zur Seite und sah sie kommen. Eine kleine weibliche junge Gestalt hing mit dem Arm eingehackt an einer großen weißhaarigen männlichen Erscheinung. Das ganze Gebilde balancierte unter einem winzigkleinen schwarzen Schirm. Ich drehte mich kurz weg und holte blitzschnell die Zigarettenschachtel. Als ich mich wieder umdrehte, waren sie direkt in Augenhöhe von mir. Ich wollte gerade anheben und sagen oder vielmehr schreien: „Aber Sie sind doch das berühmte Schriftstellerehepaar Scholz und Gunter!“, als sie schon an mir vorbeigegangen waren. Aber Frau Scholz hatte mir verschmitzt zugelächelt. Da bin ich mir ganz sicher. Jedenfalls noch ganz weg von dieser Begegnung sah ich einen Scherenschnitt davonschreiten. Dieses Ehepaar im Regen unter dem zu kleinen Schirm.
Ich zündete mir eine Zigarette an und folgte ihnen unauffällig. Sie verschwanden in einem Jugendstilhaus. Als es im vierten Stock hell leuchtete und ich wieder ihre Schattenrisse sah, lächelte ich und ging nach Hause. Ich hatte die Information, die ich wollte.
C jetzt
Ich gehe langsam in meiner Wohnung auf und ab. Dabei blicke ich in den Garten. Mimi, meine Katze schnappt nach einer Fliege.
Ich finde, so im Nachhinein sollte man mit Personen und Biographien immer vorsichtig sein. Die Geschichte, die ich jetzt schreibe ist ungefähr zehn Jahre her und vielleicht will ich jetzt, da ich durch verschiedene Ärztehände gegangen bin, endlich mal aufräumen. Natürlich ist diese Geschichte auch wieder nicht real, da ich mich immer wieder neu erfinde. Ist das nicht das Gebot das Schriftsteller? Er feiert jedes Jahr seine Wiedergeburt? Jemand meinte neulich, ich sei nicht der, der ich vor einem Jahr war. Und? Ich will bloß, dass endlich alle begreifen, dass ein Schriftsteller fiktiv schreibt und dass alles, das niedergeschrieben steht, Fiktion ist und bleibt.
A irre
Gedanken jagen mich immerzu. Manchmal greifen Stimmen. Sind sie noch hinter mir? Der blanke Boden ist einem weißen Bett gewichen, in das ich nicht steigen will, da ich nicht müde bin. Warum bin ich nicht zuhause? Die Stimmen verlieren sich und ich lege mich ins Bett und starre an die blanke Decke. Nichts. Kein Schlaf. Risse im Hirn. Keine Träume. Schales Etwas. Unruhe. Wiederaufstehen. Trotzdem nichts. Bücher sind jetzt wie stumme Begleiter. Ich schaue sie an, aber ich kann keinen Satz mehr lesen. Die Autoren sind tot. Vielleicht bin ich auch tot und befinde mich im Jenseits? Ist das so im Jenseits? Es könnte doch sein, dass ich mich nicht mehr selber erfunden habe. Dieses ständige aufs Klo gehen ist auch so ein Verlieren. Wo bin ich? Wo finde ich mich denn noch?
B vergangenheit vor irre
Nun, nachdem ich weiß, wo sie sich befinden, könnte ich ja alles mögliche tun: Scheiben einschmeißen. Penetrant die ganze Zeit klingeln. Auf der Straße herumrennen laut wie ein Gestörter, so dass sie die Fenster aufreissen. Mich als Blumenverkäufer verkleiden und mit MP bewaffnet ihre Wohnung stürmen. Einen Hubschrauber charten und als Ninja verkleidet auf dem Dach des Hauses landen....
aber nein, nichts davon. Ich sitze hier in meiner kleinen 10 quadratmetergroßen Absteige und mache mir nur kleine Gedanken. Hin und wieder lege mich auf das verratzte Sofa und onaniere in Gedanken an die holde Frau Scholz. Dabei denke ich mir, ich bin ein kleiner mieser Student der Literaturwissenschaften und sonst nichts.
Einmal durfte ich Frau Scholz live erleben und wenn ich daran denke, vibriert es mir wie bei einem Pferd die Nüstern. Sie stand so klein und verletzlich in diesem riesigen Saal, so dass ich meinte, ich müsste mich aufmachen, meine Flügel ausbreiten und mit einem Pegasus mit ihr in den Himmel reiten. Ihre Brüste waren so klein und hilflos verborgen in dem abgewetzten Jacket, das sie trug und immerzu schneuzte sie in ein kleines weißes Tuch. Diese Geste war so hilflos. Aber ich glaube, ich stand alleine mit meiner Meinung im Saal, denn ich hatte nicht auf ihre Worte gehorcht, sondern nur ihre Gesten wahrgenommen. Ja, so war ich. Ich vergaß oft den Inhalt und konnte nur der Intuition folgen. Kommolitonnen meinten nach dem Vortrag, er sei großartig gewesen. Aber ich erinnerte mich nur diesem erbärmlichen Schneuzen in ein kleines Tuch. Seit diesem Tag habe ich mich dazu selbst erkoren als Beschützerin von Frau Scholz aufzutreten, obwohl ich weiß, dass sie in fremden Händen ist.
A irre
Immerzu lache ich, während ich rauche. Ich sehe mich jemand gegenüber, der ganz Frau Scholz ist und schließlich glaube ich es. Sie ist es ganz klar. Sie schneuzt doch immerzu, aber warum diese erbärmliche Verkleidung. Aber ich will mich nicht weiter wundern. Schließlich bin ich doch ganz klar im Kopf. Habe keine Verstimmung. Nehme keine Dorgen oder Medikamente.
C jetzt
Ich sitze in meiner 5-Zimmer-Wohnung mit Garten und schreibe meine erste Kurzgeschichte und ich habe Angst davor, mich zu beschreiben. Ich bin ein kleines mieses Arschloch, ohne Erfahrung. Was gibt es zu erzählen? Ich bin Anfang 40 und meine Eltern sind letztes Jahr bei einem Flugzeugabsturz gestorben. Was wollt ihr noch alles hören? Ich bin nicht gut im erzählen. Also ich mache jedenfalls meine Eltern frei. Sie haben nichts damit zu tun, dass ich mal neben mir stand. Das war die Frau Scholz ganz klar. Ich war immer geradlinig. Dass ich jetzt einfach soviel Geld habe, dass ich es einfach jeden Tag das Klo herunterspülen könnte, weiß keiner. Manchmal noch überfällt mich der Gedanke, ich könnte doch endlich Frau Scholz retten, da ich jetzt so viel Geld habe. Aber ich schiebe den Gedanken weit weg. Sie ist nicht mehr real in meinem Hirn. Sie ist nur noch ein schales Etwas, das ich jetzt nicht weiter ergründen will. Und doch scheint es mir wert, über sie zu schreiben. Warum? Gerade dies will ich mit diesem Text für mich selbst erkunden.
B vergangenheit vor irre
Langsam verlasse ich meine Absteige und stelle mich nochmals vor das Fenster. Es ist jetzt dunkel. Was suche ich hier? In die Privarsphäre von Personen greift man mittlerweile durch das Internet ein. Zurück zuhause mache ich zuerst mal Licht. Die Kakerlaken fliehen in ein Nirgendwo, das ich bis jetzt nicht ergründen kann. Ich schalte den Computer ein und google nach dem Namen von Frau Scholz.
Geboren von deutschen Einwandern 1954 in Lanzarote. Sie musste also ein echtes Kind der 68er-Generation sein. Wiedereinmal beamt es mir den Boden weg. Sie ist viel zu alt für mich. 10 Jahre älter. Was will ich von dieser Frau?
Schriftstellerin seit 1974 nach dem Studium der Germanistik.
Ich mache drei Kreuze auf meinem Boden und die Käfer verschwinden. An diese Frau kommst du nie ran.
Aber ich google weiter und finde weitere Informationen über sie. 1974 in eine Nervenanstalt eingeliefert. Ich jubele. Das ist die Info, die ich haben will.
Die E-Mail-Adresse steht wie bei vielen Schrifstellern im Netz.
Ab diesem Zeitpunkt interessiere ich mich nur noch für den Mensch und seine Abgründe. Ich will mit dieser Frau, die nicht kenne, verschmelzen und an einen Punkt gelangen. Kann mich jetzt jemand dafür klein machen?
Ich packe meine Sachen und buche einen Flug nach Lanzarote.
A. irre
Immer schon wollte ich dieses Hangeln von A über B nach C. D habe ich mir niemals erdacht. Ich wollte das nicht. Ich bin da direkt reingeflogen. In meine eigene Verdunklung. Sie haben mich festgenagelt. Irgendwo. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Ich bin ein Gefangener meiner Selbst und ich denke, ich werde, hier nicht mehr fortkommen.
C. jetzt
Mimi spielt mit einem Spinnennetz.
Die Angst vor dem Schreiben hat auch immer damit zu tun, entdeckt zu werden, Angst davor entdeckt zu werden, was man einmal getan hat. Ich schiebe das Ganze jetzt mal auf ein Gedankengebäude. Ich bin noch zu jung, mir meine Zukunft zu verbauen. Deshalb gebe ich euch nur Fetzen, an das, was ich einmal war, denn der, wer ich jetzt bin, ist ein ganz anderer.
B. vergangenheit vor irre
Langsam vorsichtig taste ich mich an diesen Punkt am Ende der Welt vor. Ich habe von Krebsen gehört, die Albinos sind und keine Augen haben. Ich glaube, Frau Scholz ist so ein Mensch. Auch kann ich mir vorstellen, dass sie ganz mit dem Inneren eines Vulkans verschmilzt.
Ich sitze vor dem Abgrund an einem Punkt wo kein Weiterkommen ist. Umgeben von Vulkankegeln versinkt der Ort in sich selbst. Hin und wieder kommen Wolken und senden Schatten auf die Berge wie dunkle Flecken. Aber es kommt kaum zum Regnen, da die Berge nicht hoch genug sind. Immerzu jagen Wolken am Himmel, aber sie sind wie eine flüchtige Gazelle, die dann doch zum Erliegen kommt von einem erdachten Tiger und nicht abregnen kann.
Ich habe nur das nötigste mitgebracht, das ist mein Computer und einen Anschluß ans Internet habe ich mir in der Absteige geleistet.
Ich wage den ersten Brief mit der E-Mail-Adresse: x@t-online.de
Guten Tag, Du Schöne,
wir sind uns gestern im Regen am Zigarettenautomat begegnet. Ich hoffe, du hast mein zutiefst betroffenes Gesicht gesehen, als ich emporsah. Ich weiß nicht, ob ich deine Sprache treffe, obwohl ich deine Bücher gelesen habe. Mir ist etwas mulmig zumute, wenn ich dich hier anspreche so ganz ohne Gesicht, aber glaube mir, ich bin kein dummer Fan oder ein gestörter Verehrer. Ich bin ein Geistesverwandter. Wärst du imstande das Feuer zum Austausch zu eröffnen?
Mit freundlichen Grüßen
X
A. irre
Festgeschnallt und zugepumpt. Ewig Schreien. Danach im Kreis laufen. Welch eine Schande für einen Menschen, der sich für einen Überflieger hält. Könnte mir jetzt einer den Spiegel vorhalten würde ich direkt zurückspucken. Aber keiner kommt.
C. jetzt
Mimi springt gegen die Glasfassade im Garten.
Ich habe ein Zeitfenster. Jemand hat mich angesprochen, dem ich gefalle. Ich bin jetzt ganz oben. Noch ganz im Rausch. Und keiner würde es für möglich halten. Ich habe das erwidert. Denn wie oft war ich in diesem Gefühl? Sie hat mich die ganze Zeit angelacht und Witze gemacht. Während sie noch lachte, gefror mir das Gesicht und ich dachte zurück an die Zeit, als ich 12 Jahre alt war und mir der Klassenkaspar einen Antrag gemacht hatte. In genau diese Zeit fühle ich mich zurückversetzt.
B vergangenheit vor irre
Wolken jagen am Horizont. Langsam wird Lanzarote greifbarer und damit auch Frau Scholz. Ich habe mich hier in diesem Hotel abseits der Touristenburgen eingerichtet. Rechts geht es ins nichts. Lava und Vulkangestein. Hin und wieder ein einsames Schiff am Horizont. Das Links meide ich noch, da ich hier die Vergangenheit von Frau Scholz vermute. Ich sehe nur Lichter, es muss ein Hafen sein.
Frau Scholz hat mir eine Mail geschrieben:
Lieber Geisterverwandter,
leider habe ich keinen Namen, den ich anschreiben kann. So bin ich auch nicht in der Lage, mir ein Gesicht vorzustellen. Wie wäre es, Sie hinterlassen ein Namen und ein Gesicht. Ich bin da wohl transparenter....
Herzliche Grüße
Melanie Scholz
Ich kann es nicht lassen und muss sofort zurückschreiben, obwohl es peinlich ist, denn es sieht so aus, als ob ich auf ihre Mail gewartet hätte.
Mit folgender Mail hänge ich ein Kinderfoto von mir an. Ich habe gerade einen Wasserschlauch im Garten meiner Eltern in der Hand und spritze mir Wasser ins Gesicht.
Liebe Melanie,
ist das Leben nicht eine einzige wiedersprudelnde Quelle? Ich fühle mich jeden Tag wie neugeboren, wenn ich an Sie denke. Sie sehen so verletzlich aus auf ihren Bildern der Buchrücken, als ob sie mir verwandt sind. Ihre Bilder geben mir jeden Tag die Kraft, weiterzuträumen. Vielleicht treffen wir uns irgendwann einmal?
Liebe Grüße
Peter
C. jetzt
Mittlerweile ist da nur noch dieses leise Geräusch in den zwischenmenschlichen Beziehungen zu spüren. Man frisst sich nicht mehr gegenseitig auf. Man hat eine Wahlverwandtschaft wie bei Goethe entdeckt, aber man lebt sie nicht aus. Man entdeckt ein gemeinsames Licht und hält es real für eine Insel. Und schiebt das ganze wieder weg. Eigentlich schade das. Die menschliche Begierde auf das andere Objekt scheint vorüber. Wenn ich kein Mann wäre, würden morgen die Blutungen verschwinden.
A. irre
Ich habe einen Brief an Frau Scholz geschrieben. Unterschrieben mit „der Prinz“. In diesem Brief habe ich versucht mich zu finden, habe mich aber auf der Suche verloren. Die Gedanken sind wirr wie Spinnweben. Ständig scheint jemand in meinem Gehirn nach einem Grund zu suchen. Komische Gestalten scheinen Zugriff auf meine Festplatte zu haben. Langsam glaube ich fest daran, das FBI ist hinter mir her und will meine Gedanken stehlen, weil sie so intelligent sind.
B. Vergangenheit vor Irre
Sehnsucht
Ich würde gerne diese
Zuckerwattewolkenungetüme verschlucken,
dann müsste ich sie nicht mehr anschauen.
Ich würde gerne einmal
auf einem Vulkan reiten gehen
und mir den Hintern verbrennen.
Ich würde gerne
mein Geschlecht
in einen emporschießenden Geysir halten.
Vielleicht wäre mir dann wohler?
Bin ich froh, dass ich das Gedicht nicht abgeschickt habe. Ich war gerade in meinem Rausch und da sollte man vorsichtig sein.
Melanie schreibt:
Hallo Peter
Ich habe keine Ahnung, ob wir uns jemals treffen werden. Ich bin verheiratet und bis jetzt ist mir noch nie die Idee gekommen, mich mit anderen Männern zu treffen. Wenn Sie jetzt so einzigartig sind, dann müssen Sie mir das beweisen.
Grüße
Melanie
C. Jetzt
Der Klassenkaspar ist wieder aus meinem Leben verschwunden. Was kümmert mich das alles jetzt noch?
Ich kümmere mich um Lebenssicherung im Alter. Kaufe eine Wohnung, überlege mir danach ob ich gleich noch eine kaufen soll. Diese Gedanken besetzen mich ständig wie ein Virus auf einer Festplatte. Sicherung im Alter. Wer sagt mir, dass ich 90 Jahre alt werde? Vielleicht sterbe ich bei einem Flugzeugabsturz wie meine Eltern, wenn ich 50 Jahre alt bin? Die Medien machen einem Angst mit ihrer Riester- und Rürup-Rente. Ich bin jetzt schon abgesichert. Aber doch überfällt es mich immer wieder. Ich brauche mehr und noch mehr Geld im Alter. Ich brauche ein riesiges Vermögen, um zu überleben. Ich zapfe alle möglichen Quellen an, die mir noch mehr Geld bringen könnten. Ich möchte in Geld baden. Ich bin ein echtes Kind des Kapitalismus. Meine Eltern und meine Bekannte haben es mir vorgelebt. Da werde ich rücksichtslos, wenn es um mein Geld geht.
Manchmal denke ich noch zurück, an das, was ich als Student gelesen hatte. „Kapitalismus und Schizophrenie“. Heute heißt es wahrscheinlich: „Armut und Depression!“
Ich weiß, ich bin ein Arschloch, aber ich kümmere mich nur darum, wie ich hier in dieser Gesellschaft nicht total vor die Hunde gehe.
A. Irre
Ich starre auf den Titel einer Zeitschrift. Das „Blau“ der Augen ist unecht. Die Bilder sind im Photoshop verwandelt worden. Mir wird übel, aber nicht wegen der Augen. Gerade war jemand hier. Ich glaube, er kam vom Gericht. Er hat mich für „unmündig“ gesprochen. Auf unbestimmte Zeit.
B. Vergangenheit vor Irre
Ich befinde mich auf dem Grund einer Grotte. Ein riesiger dunkler See mit kleinen weißen Albinokrebsen darin liegt zu meinen Füßen. Dazu spielt sphärische Musik. Ein Kunstwerk. Ich habe vor, auch ein Kunstwerk zu kreieren. Mir fehlt leider die Disziplin. Wieder vergleiche ich Frau Scholz mit diesen kleinen Krebsen. Sie scheint genauso durchsichtig wie sie. Sie ist klein, aber energisch. Ich bin groß und schwerfällig. Ich werde ihr nie das Wasser reichen. Deshalb trat Plan D auf.
Im Zimmer will eine weitere Mail an Frau Scholz schreiben. Wie soll ich ihr beweisen, dass ich so einzigartig bin? In dem Moment beschließe ich, meine Recherche zu lassen und wieder zurück zu fliegen. Dieses Mail-Schreiben bringt nichts. Sie hat Niemanden vor Augen. Sie muss mich kennenlernen. Ich muss ihr beweisen, wie großartig ich doch bin. Reden kann ich. Also, werde ich sie überzeugen. Ich betrinke mich, während ich so nachdenke. Danach schicke ich drei unkontrollierte Mails an Frau Scholz ab. Soll sie doch denken über mich, was sie will.
C. Jetzt
Nach so vielen Jahren will ich endlich mal die Wahrheit aussprechen. Lebt nicht ein guter Text von der Wahrheit? Diese Vertuscherei einer Existenz bringt nichts. Frau Scholz hält mich immer noch in Gedanken besetzt. Diese Gedankenwelt ist so monströs, dass sie mich von meinem eigenen Handeln abhält. So sehr, dass ich diesen Text jetzt zerstören werde, zerreisse in kleine Fragmentierungen. Da können die Gedanken an die Rente nur abtrünig sein. Sie übertünchen die eigentliche Präsenz der Gehirnwelt. Da ich sie virtuell nicht umbringen kann, muss ich das auf meine eigene Art lösen. Ich ziehe die Schreibtischschublade auf. Da liegt sie, blank poliert. Ich habe sie mir damals zugelegt, als ich eine unbegründete Angst vor Stalkern verspürt habe.
Die Katze hat einen Schaden. Warum springt sie gegen die Glasfront? Ich drehe ihr den Hals herum.
A. Irre
Die Begründung des Gerichts für die Unmündigkeit war: Hausfriedensbruch. Ich verstehe das nicht. Ich bin in Niemandens Privatsphäre eingefallen. Frau Scholz ist mit ihrem unbedarften Lächeln und ihrer Verletzlichkeit in mich eingefallen. Was kann ich dafür? Ich setze mich vor den Fernseher in mitten der anderen Irren und gucke zum hundersten Mal Bay Watch. Die braunen Leiber auf der Mattscheibe sind mir zuwider.
B. Vergangenheit vor Irre
Zurück von Lanzarote sammle ich mich in meiner Absteige für den ersten größeren Angriff. Ich ziehe mir Frauenkleider an, schminke mich und verlasse das Haus.
Vor dem Haus des Ehepaars Scholz verlässt mich zuerst der Mut. Aber ich spreche mir zu und dann klingle ich. Ich muss die Wohnung sehen. Sie meldet sich an der Sprechanlage und fragt unbedarft, wer ich bin. Ich sage mit verstellter Stimme, die Nachbarin. Mein Telefon funktioniert nicht und mein Mann liegt im Sterben. Es summt.
Erleichtert nehme ich die Stufen nach oben. Als ich vor der Tür stehe, ist sie nur einen Spaltbreit offen. Dahinter zwei helle Augen. Frau Scholz. Als sie mich sieht, öffnet sie mir. Ich stehe in einem langen Gang aus dem mehrere Zimmer führen. Welches wohl ihr Schreibzimmer ist? Ich muss sehen, wo sie schreibt. Aber zuerst berichte ich über meinen angeblichen Mann, der anscheinend einen Herzinfarkt hat. Sie gibt mir, noch im Gang stehend, den Telefonhörer in die Hand. Ich wähle eine fiktive Nummer und bitte um den Notarzt. Sie steht die ganze Zeit daneben und ich beobachte sie. Sie ist noch schöner, als ich sie in Erinnerung habe. Ihre schmalen Hände bewegt sie etwas hilflos, während ich telefoniere. Und ihr Gesicht! Wächsern wie eine Porzellanpuppe. Das Gespräch ist beendet. Und dann kommt der Moment. Sie sind doch nicht etwa die Schriftstellerin, oder? Aber ja, antwortete sie mir beflissen. Ob ich, ja, ihr Zimmer sehen könnte, wo sie schreibt? Hinten schreit eine Männerstimme, wer ist da? Sie schreit nach hinten, die Nachbarin. Plötzlich kommt mir ihre Stimmer laut und grell vor, was gar nicht zu ihr passt. Nach dem Schrei führt sie mich in ihr Zimmer. Es ist groß, von Licht umgeben und am Fenster steht der Schreibtisch, auf dem sich viele Zettel befinden. Wie gerne hätte ich diese Zettel gelesen! Aber da führt sie mich schon wieder hinaus. Ich verabschiede mich etwas kleinlaut und merke, als ich wieder draußen stehe, wie unwohl ich mich in den Frauenkleidern fühle.
C. Jetzt
Als die Katze da so vor mir liegt, komme ich mir etwas komisch vor. So ist das also, wenn man jemand umbringt. Das Vieh gibt keinen Laut mehr von sich.
Ich habe gehört, Frau Scholz will in einer großen Halle sprechen. 600 Hörer sind geplant. Mein Plan ist es, mich endlich von meiner Vergangenheit zu befreien. An dem Abend verkleide ich mich als Araber. Ich töne meine Haut dunkel, wickle einen Turban um den Kopf und ziehe mir ein langes Gewand an. Ganz in schwarz. Für meine hellen Augen habe ich mir Kontaktlinsen besorgt. Ich erschrecke selbst, als ich mich im Spiegel sehe.
A. Irre
Mit Medikamenten vollgestopft gehe ich steif wie ein Stock. Sie hat das mir angetan, dass ich jetzt Jahre in der Geschlossenen sitze. Meine Gedanken können nur noch eine Idee formulieren: Rache! Aber es wird nur eine geschriebene Rache geben. Ich werde ein Buch schreiben und wenn es fertig gedruckt ist, an sie schicken.
B. Vergangenheit vor Irre
Ich verfolge nun Frau Scholz ständig. Ich lauere ihr auf, wenn sie aus dem Haus geht und folge ihr, wenn sie ihre Einkäufe tätigt. Nachts stehe ich vor ihrem Haus und werfe kleine Steine an ihr Fenster. Ich weiß jetzt ja, wo sie schreibt. Eines Nachts habe ich über den Durst getrunken. Da erfasst mich der Wahnsinn. Ich muss sie nocheinmal sehen. Die Haustür unten steht diesmal offen und ich muss auf keinen Einlaß warten. Langsam schleiche ich mich nach oben. Hinter der Tür ist es hell erleuchtet. Sie ist also da. Ich schlage die Glasscheibe ein und öffne die Tür und dann stehe ich mitten in der Wohnung. Der Typ, mit dem sie zusammenlebt erscheint, schreit, was bist du nur für ein mieser Stalker und brät mir eins über. Dann muss er wohl die Polizei gerufen haben. Die haben mich dann in so ein nettes weißes Jäckchen gesteckt. Seither befinde ich mich in A.
D.
Das neueste Buch von Frau Scholz handelt von der Versöhnung der Muslime und Christen. Der Saal ist brechend voll und sie will das Buch vorstellen. Viele unterschiedliche Menschen sind gekommen und ich falle mit meiner Kleidung gar nicht auf. Ich bin nur ein weiterer Moslem in dem bunten Gemisch. Ich stehe ganz am Rand und beobachte die Szene. Frau Scholz sieht immer noch so unschuldig wie dieser weiße kleine Albinokrebs aus. Und wie immer schneutzt sie zwischen den Sätzen in ihr kleines Taschentuch. Aber im Inneresten weiß ich, was sie mir angetan hat. 10 Jahre Psychiatrie. Davon fünf auf der Geschlossenen. Fünf auf der Offenen. Das Buch habe ich nie zuende geschrieben. Die Blätter liegen noch auf meinem Schreibtisch. Ich konnte nie Ruhe finden. Und jetzt muss das endlich sein. Als sie ihren letzten Satz gesprochen hat, nehme ich das schwarze Ding und ziele auf sie unter meinem Gewand. Ich habe das oft genug vor dem Spiegel geübt. Der erste Schuß muss sitzen und tatsächlich. Ich bin befreit.
Das Schriftstellerehepaar (Rohfassung)
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