Eine sehr sympathische Idee, dennoch: Auch Leute, die Kunst schaffen, müssen von etwas leben. Wenn jemand einen reichen Mäzen hat (oder wahlweise einen Lebenspartner mit einen lohnenden Brotberuf

), dann kann er oder sie es sich vielleicht leisten, die Kunst für Lau unter's Volk zu bringen.
So, wie Du es entwirftst, wäre das SCHAFFEN von Kunst etwas für Privilegierte, wenn auch der Konsum für jeden frei wäre. Nehmen wir mal uns Schriftsteller: Angenommen, Bücher wären kostenlos. Dann würde (so hoffe ich zumindest) sicher mehr gelesen, und die Idee, dass eher zum guten Buch gegriffen wird, als Big Brother eingeschaltet hat etwas ungeheuer reizvolles.
Die andere Seite der Medaille wäre aber, dass sich als Schriftsteller nur wirklich betätigen kann, wer reich ist oder von Reichen unterstüzt wird - wie eben zu Goethes Zeiten. Denn wer waren die Teilnehmer der literarischen Zirkel? Bauern und Tagelöhner etwa?
Sicher - man kann tagsüber sein Brot verdienen und die Nächte und Wochenenden der Kunst widmen. So ist zum Beispiel bisher alles entstanden, was ich geschrieben habe. Aber mit Familie wird das schon kritischer. Und in Zeiten, wo es de facto schon wieder die 45-Stunden Woche gibt, wird es noch schwerer. Und Kunst wird nunmal besser, je freier sie ist. Je mehr Zeit man für Nachdenken, lernen, reflektieren, Überarbeiten oder einfache, schnöde Recherche hat.
Soll Kunst also kostenlos sein (und der Künstler - wie Du sagst - nicht ans Geld denken) müssen Künstler entweder von irgendwem subventioniert werden (also im schlimmsten Falle weisungsgebunden sein), oder der Geldsorge anders entledigt sein - vielleicht durch eine Erbschaft, eine Lottogewinn, vorher erarbeiteten Reichtum - wie auch immer. Anders gibt es nicht einmal die Hoffnung auf ein kontinuierliches, fruchtbares Leben als Künstler.
So skeptisch ich sonst gegenüber dem freien Markt bin, so sehr hat er in der Kunst - wie ich finde - eine demokratisierende, fast schon sozialistische Qualität. Wenn der Künstler in der Lage ist, grundsätzlich ohne Bevormundung mit seiner Kunst seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, nur dann ist er frei, zu schaffen, was er will und was er kann. Selbstverständlich ist das auch kein Paradies - es gibt Verlage und Verlagsprogramme, es gibt den Massengeschmack und arrogante Fachzirkel. Aber jeder, wirklich jeder, kann zumindest hoffen, eines Tages seine ganze Kraft nur in die Kunst legen zu können. Es gibt die Chance, weil für Kunst bezahlt wird. Wäre das nicht so, Kunstschaffen wäre wieder - wie früher - nur etwas für Privilegierte und Märtyrer. Man mag glauben, dass das Martyrium die bessere Kunst hervorbringt. Aber da hat der Märtyrer wenig von.