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Those were the days ...

Verfasst: 06.01.2009, 03:08
von Glaukos
Ich bin mit meinem Vater in einer fremden Stadt. Wir gehen ins Kino. Wir waren schon lange nicht mehr gemeinsam im Lichtspielhaus, ich war noch ein Kind bei unserem letzten Besuch. Der Film, den wir heute sehen, ist nicht neu, er spielt Anfang der 60er Jahre in Paris und ist im Stil von Godards „Außer Atem“ gehalten.
Die Szene am Anfang des Films zeigt eine Kneipe, in der die Gäste miteinander sprechen, doch zur Seite hin sieht man eine weitoffene Tür, es ist ein Hinterausgang, der auf die Straße verweist. Ich achte weniger auf die Filmfiguren, sondern schaue nur auf die taghelle Straßenszene, die dort sichtbar ist. Insbesondere, nachdem ich dort eine Frau erkannt habe, die in eleganten Kleidern der 60er Jahre neben einer Laterne steht und offenbar nur darauf wartet, dass die Zeit vergeht ... oder ihr Kavalier im Auto erscheint ... Karossen fahren vorbei, die Sonne scheint. Die Frau wirkt in ihrer Gelassenheit so faszinierend auf mich, dass ich prompt aufstehe, durch den Kinosaal gehe, durch die Kneipe laufe und dann aus der Hintertür ins Freie trete, auf die Straße, zu ihr hin.
Hinein in die 60er Jahre.
Ich tauche ein.

Es ist schön hier drüben, Sonnenschein - und viel frische Luft. Ich gehe stracks zu ihr und spreche sie an, ich mache das spontan, dass ich gar nicht nervös sein kann. Ich spüre, dass ich jünger als jetzt bin, vielleicht Anfang zwanzig, während sie einige Jahre älter zu sein scheint. Wir flirten.
„Ich musste zu dir kommen.“
„Musstest du? Nett von dir.“
„Ich konnte nicht anders. Du hast mir ... so gefallen, als ich dich ... hier stehen sah.“
„Freut mich ...“
„Ja ...“
„...“
„Was meinst du, willst du mitkommen?“
„Wohin?“
„Zu mir? Ich hab gleich in der Nähe meine Wohnung!?“
„Gerne ... wirklich gerne.“

Szenenwechsel.
In ihrer Wohnung ist alles stilgerecht eingerichtet, atmet eine Zeit, die für mich längst vergangen ist. Auch die elegante Frau gehört dort hinein, das ist offensichtlich. Ich überlege, welches Jahr wir wohl haben. 1962? Oder später?
In meinem Kopf höre ich nun den Song „Those were the days“. Doch bevor ich ihn selbst trällern kann ... führt sie mich zum Bett. Wir sinken in die Kissen, doch wir küssen uns nicht, noch nicht. Schäkern nur etwas.
Dann sagt sie:
„Was willst du mir denn geben?“
Ich blicke sie erstaunt an.
„Sag, was willst du mir geben ... dafür?“
Und da erst verstehe ich:
„Ach, du bist so eine ... für Geld?“
Sie lächelt und staunt:
„Ja hast du das denn nicht gemerkt? Natürlich ...“

Und da muss ich selbst in mich hineinlachen. Natürlich – hätte sonst in den 60ern mich eine Frau gleich zu sich mitgenommen, ohne mich zu kennen?

„Selbst, wenn ich dir von meinem Geld geben wollte, es würde dir nichts helfen ...“
„Warum?“
„Es ist eine andere Währung ...“
„Nanu? Aber das kann man doch umtauschen ...?“

Ich lächle.
Ziehe ziehe meinen Geldbeutel hervor. Es würde mich wundern, würde ich jetzt die gute alte DM herausziehen. Nein, es sind meine Euro-Scheine, und irgendwie bin ich beruhigt, dass sich das Geld nicht auch noch verwandelt hat. Denn hätte es das, müsste ich jetzt darüber grübeln, ob ich tatsächlich nur in einen Traum geraten bin oder definitiv meine Zeit verlassen habe.

Ich zeige ihr auch meinen Pass.
Sie schaut mich mal erstaunt, mal ergriffen, mal entsetzt an. Die Jahreszahl auf dem Pass, die ausweist, dass ich 1971 geboren sein soll, macht sie mehr als stutzig.
„Aus was ist das? Ein eigenartiges Material, in Plastikfolie eingeschweißt, warum? Sind das Requisiten aus einem Film? ..."
Doch auch meine Kleidung verrät mich, der Stil passt nicht in ihre Zeit. Ich weise sie darauf hin, sie kann es nicht fassen, ist aber weniger irritiert, als ich vermutet hätte.
„Ich komme von woanders her, verstehst du?! Ach, ich verstehe es selbst nicht ...“

Der nächste Szenensprung.
Wir sind noch in ihrer Wohnung, aber Zeit ist vergangen. Ein paar Stunden, vielleicht auch ein paar Tage. Wir sind uns näher, vertrauter. Da sind Kinderstimmen aus dem Nebenzimmer. Sie hat offenbar zwei Kinder, das eine noch sehr klein, kaum mehr als ein Baby, lernt gerade das Laufen, das andere ist ein Mädchen und geht schon zur Schule.
Eine Hure, die sich ihren Lebensunterhalt durch die Liebe verdient ... und obwohl ich jünger bin als sie und durch und durch seltsam, lässt sie ihren Job sausen, um mich zu lieben; und wir lieben uns.
Sie stellt mir Fragen, wirkt dann immer sehr devot, glaubt mir offenbar alles, als wüsste ich über alles Bescheid, auch in Fragen der Kindererziehung und Kinderhygiene will sie von mir wissen, was richtig ist. Und ich sage ihr, was ich weiß, meine fast 50 Jahre kulturellen Vorsprungs sind sehr hilfreich, sie geben mir ein Selbstbewusstsein, das ich in der Zeit, aus der ich herkam, nie in diesem Maß hatte.

Sie kann sehr sanft sein und vorsichtig. Sie kommt zu mir ins Zimmer, ich sitze noch auf dem Bett, singe in mich hinein, bin zerstreut ... und sie merkt es, beginnt auch zu singen. Den Song, den sie von mir hört, die Melodie „those were the days“. Ich bin mir nicht sicher, aus welchem Jahr er stammt, ob sie ihn kennen kann oder nur von mir abgelauscht hat, es ist eigentlich auch egal ... dann kommt sie näher, ich springe vom Bett, wir stehen nebeneinander.
Erst sind wir sehr glücklich, beim Summen und Trällern, dann jedoch wird sie plötzlich sehr melancholisch und sagt: Jetzt, bitte, jetzt ... drück mich.
Und ich umarme sie und spüre, dass sie mich braucht und dass es SIE ist, bei der auch ich sein möchte, ja vielleicht muss, ich umarme sie und spüre das Glück, das echt ist und lebendig ... und so verrückt.




(es gibt noch eine Art Fortsetzung dieses Traums, den ich direkt nach dem Aufwachen notierte - aber die poste ich erstmal nicht ;)

Re: Those were the days ...

Verfasst: 17.01.2009, 01:51
von Glaukos
frohes neues, ihr lieben ...




... es ist allerdings schon schade, dass hier nichts mehr los ist. das heißt, texte werden nach wie vor eingestellt, aber offenbar kaum mehr kommentiert ...

Re: Those were the days ...

Verfasst: 17.01.2009, 23:51
von Kato
Hi Glaukos,

was soll man zu diesem Text sagen ...

Auf mich wirkt er wie das, was er ist: Die Nacherzählung eines Traums.

Dabei mit dem Bemühen, möglichst wenig
am Inhalt und der Dynamik des Geträumten
zu verändern, um nicht zu verfälschen.

Bei mehr Loslösung davon wären Ausgangspunkt und Ansatz ja schon mal richtig gut. Zumindest nach meinem Geschmack.
Herauskommen sollte dabei dann aber auch eine Geschichte, die neu ist und kein Aufguss von schon allseits Bekanntem. Am besten eine, die „Zurück in die Zukunft“ & Co. vor Neid erblassen ließe ... ;-)

Gruß, Kato

Re: Those were the days ...

Verfasst: 19.01.2009, 17:55
von Glaukos
ah schön, das du meckerst, kato,
besser gemeckere, als schweigen,
ja, das tut gut ;-)

vielleicht hätte ich es deutlicher kenntlich machen sollen, dass das keine erzählung ist und auch nicht sein soll. es ist ein traum.
genre: traumnacherzählung. oder gar: traumbericht.

der inhalt ist deshalb leider nicht verhandelbar ;-)

stilistisch überarbeiten könnte ich ihn hingegen schon. ich habe ihn so schnell wie möglich niedergeschrieben ...


obschon ich mir überlegt habe, dass diese geschichte der beginn eines romans (oder auch eines films) sein könnte. denn wo der traum endet, muss die idee hinter diesem traum noch lange nicht zu ende sein ...

Re: Those were the days ...

Verfasst: 20.01.2009, 00:27
von [) i r k
(es gibt noch eine Art Fortsetzung dieses Traums, den ich direkt nach dem Aufwachen notierte - aber die poste ich erstmal nicht ;-)

Du schreibst nach dem Erwachen Fortsetzungen für deine Träume? Das ist ja faszinierend...

...ich glaube, die Aborigines hätten einen guten Draht zu dir. :-)

Re: Those were the days ...

Verfasst: 20.01.2009, 01:23
von Glaukos
na ja, ich bin aufgewacht und habe mich wieder umgedreht und dann im halbschlaf die möglichen fortsetzungen mir ausgedacht. das war dann nicht mehr richtig "träumen".

so besehen habe ich lediglich einen plot für einen roman, und keinen roman.

die aborigines? tjaaaaa ... kennst du traumpfade von chatwin? ;)

Re: Those were the days ...

Verfasst: 20.01.2009, 01:44
von [) i r k
kennst du traumpfade von chatwin?

nee, taugt das was? ich hab mal mit 17 oder so ein buch gelesen, das hieß "traumzeit" von einer autorin, deren namen ich Q-sei-dank vergessen habe. die zieht mit den aborigines durch den busch. aber bei dem buch hat es dann auch irgendwie den anschein, dass sie das alles - freundlich ausgedrückt - nur geträumt hat. zumindest konnte sie mich nicht so wirklich überzeugen, dass die aborigines telepathen sind. 8-o

Re: Those were the days ...

Verfasst: 20.01.2009, 01:46
von [) i r k
ich hab mich vertan. das buch hieß "traumfänger" von marlo morgan.

allein die zusammenfassung bei amazon besitzt schon unterhaltungscharakter:
Marlo Morgan lernt in den nächsten Monaten die Unwichtigkeit des Zeitbegriffes kennen, ernährt sich von Maden, Krokodilen, Nüssen, Kräutern und Früchten und hätte niemals geglaubt, daß sie gebratene Ameisen als Delikatesse schätzen lernt.

Zeigen uns die Aborigines doch, wie unwichtig unser Alltag für unser persönliches Wachsen und Reifen ist.

8-o

back to your dreams...

Re: Those were the days ...

Verfasst: 20.01.2009, 02:48
von Glaukos
ameisen braten?
was kommt da denn heraus?
ich würde sie dünsten.
(nein, eigentlich würde ich sie auch nicht dünsten. wo ameisen sind, müssen auch noch andere essbarkeiten vorhanden sein ;-)

chatwins buch hat mir damals sehr gut gefallen. obwohl einiges darin auch fabuliert ist, aber ... mir wars egal, weil mich etwas daran faszinierte.
ich glaube, ich kam nicht umhin, es zu lesen, weil ich mal selbst im land der aussies war und dort nach wie vor ein großer hype um das buch gemacht wird ...