Beim Bäcker ihres Vertrauens
Verfasst: 07.11.2008, 02:14
Vor ein paar Tagen war ich bei einem Bäcker hier in der Nähe und habe Brötchen gekauft. Mohnbrötchen, um genauer zu sein. Finde ich richtig lecker. Nicht, dass Sie mich missverstehen: ich bin ganz sicher keiner von diesen Typen, die sich um Mitternacht an ihren Computer setzen, um über Mohnbrötchen zu philosophieren. Dennoch muss festgehalten werden, dass meine Lieblings-Bäckerei an der Horner Rennbahn ganz außergewöhnlich leckere Mohnbrötchen macht. Schmecken toll.
Ich bestellte also diese schmackhaften Mohnbrötchen (wirklich vorzüglich, noch ganz frisch!) und die Bäckersfrau packte sie mir ein. Ich zahlte, sie gab mir umständlich – während ich schon verstohlen begann in die Tüte zu grabschen und versonnen auf abgekratzten Mohnkörnern herum zu kauen - mein Wechselgeld und wünschte mir „Einen schönen Tag noch“. Ich erwiderte „Ihnen auch“ und verließ den Laden.
Wo liegt hier der Fehler? Jedenfalls nicht bei den Mohnbrötchen, so viel ist mal klar. Mit dieser leckeren Erdbeermarmelade, die ich vorher bei einem großen deutschen Discounter besorgt hatte, war mir ein göttliches Frühstück vergönnt. Gott, ich verstehe überhaupt nicht dieses ganze Bio-Geschwafel. Bio hier, Bio da, gesund, gesund, gesund. Gegen so einen richtig stinkenden
Chemieerdbeermarmeladencocktail kann die Natur doch eh nichts ausrichten und Mohnbrötchen wachsen auch nicht auf den Bäumen.
Aber an den Bäumen liegt es nicht, sondern an der Konvention. Hätten Sie es gemerkt? Diese Grußformelaustauscherei, das geht natürlich alles automatisch. In der Soziologie (und nicht nur da) sagt man „Konvention“ dazu. In bestimmten Situationen hat man sich in der Öffentlichkeit so und so zu verhalten. Es wäre unhöflich gewesen, wenn mir die Bäckersfrau keinen "schönen Tag" gewünscht hätte. Ebenso wäre es als unhöflich eingestuft worden, wenn ich ihr das nicht auch gewünscht hätte.
Aber vielleicht finde ich sie gar nicht symphatisch? Vielleicht passt mir ihr Haarschnitt nicht? Oder ich hasse den Laden und gehe da nur hin, weil bestimmte Brötchenprodukte eine höhere Qualität aufweisen als in anderen vergleichbaren Etablissements? Pillepalle! Selbst wenn das stimmen würde nimmt die Konvention darauf keine Rücksicht. Sie ist von unerbittlicher Geltung.
Sie können sie allerdings variieren. Sie können einen „sehr schönen Tag“ wünschen, einen „besonders schönen Tag“ oder einfach nur „Danke“ sagen und so tun, als impliziere dies bereits den Gegenwunsch. Es gibt sicher weitere Variationsmöglichkeiten. Sie dürfen sich sogar verweigern und brummelig den Laden verlassen, wenn Sie mit bösen Blicken leben können, nur eines dürfen Sie nicht: sich der Konvention entgegenstellen oder sie zum Thema machen!
Sie sagen also niemals „Ihnen nicht“ und Sie beginnen auch keine Diskussion über Grußformeln mit der Bäckersfrau. Das ist ein soziologisches Gesetz, sichert den sozialen Frieden und eine schnelle, ökonomisch vorteilhafte Bedienung. Klingt vernünftig!
Aber was wiederum ist schon Vernunft? Ganze Heerscharen von bösen Menschen haben sich stark ihrer Vernunft bedient und ganze Armeen von freundlichen Individuen noch emphatischer ihren Emotionen. Umgekehrt ebenso. Alles relativ also und nichts von Natur aus gut – außer Roger Willemsen.
Was also, wenn Sie es wagen? Kaufen Sie irgendwas in ihrer Lieblings-Bäckerei (Mohnbrötchen!) und wenn die üblichen Ablaufe fast gelaufen sind und Sie nur noch konventionell das Ende der kurzzeitigen Sozialbeziehung einläuten müssen, sagen Sie folgendes: „Es tut mir leid, ich wünsche Ihnen keinen schönen Tag. Aber auch keinen Schlechten. Ich wünsche Ihnen in den nächsten drei Tagen eine durchschnittliche Existenz. Allerdings „durchschnittlich“ nicht in dem Sinne, wie Sie es vielleicht verstehen. Sie sollen nicht träge vor sich hin leben, sondern Phantastisches und Schlimmes erleben, Berauschendes und Qualvolles. Der ganze Facettenreichtum menschlichen Lebens soll in ihr Dasein dringen und nach diesen drei Tagen sollen Sie nie wieder so sein wie zuvor. Glücklich werden Sie sein, denn Sie werden gelebt haben. So wie John Keating es zitiert, so sollen Sie in den Wäldern unserer Zeit existiert haben.“
Blicken Sie die Bäckersfrau dabei fest an und sprechen Sie mit ruhiger, klarer, sachlicher und lauter Stimme. Machen Sie klar, dass nichts und niemand Sie unterbrechen wird. Wenn Sie sich Teile des Textes nicht merken können, füllen Sie diese Stellen auf, indem Sie vertrauensselig zwinkernd „So ist es doch!“ rufen und anschließend fortfahren. Und wenn Sie geendet haben, verbeugen Sie sich vor der Bäckersfrau.
Was dann passiert?
Probieren Sie es einfach aus – beim Bäcker ihres Vertrauens.
Ich bestellte also diese schmackhaften Mohnbrötchen (wirklich vorzüglich, noch ganz frisch!) und die Bäckersfrau packte sie mir ein. Ich zahlte, sie gab mir umständlich – während ich schon verstohlen begann in die Tüte zu grabschen und versonnen auf abgekratzten Mohnkörnern herum zu kauen - mein Wechselgeld und wünschte mir „Einen schönen Tag noch“. Ich erwiderte „Ihnen auch“ und verließ den Laden.
Wo liegt hier der Fehler? Jedenfalls nicht bei den Mohnbrötchen, so viel ist mal klar. Mit dieser leckeren Erdbeermarmelade, die ich vorher bei einem großen deutschen Discounter besorgt hatte, war mir ein göttliches Frühstück vergönnt. Gott, ich verstehe überhaupt nicht dieses ganze Bio-Geschwafel. Bio hier, Bio da, gesund, gesund, gesund. Gegen so einen richtig stinkenden
Chemieerdbeermarmeladencocktail kann die Natur doch eh nichts ausrichten und Mohnbrötchen wachsen auch nicht auf den Bäumen.
Aber an den Bäumen liegt es nicht, sondern an der Konvention. Hätten Sie es gemerkt? Diese Grußformelaustauscherei, das geht natürlich alles automatisch. In der Soziologie (und nicht nur da) sagt man „Konvention“ dazu. In bestimmten Situationen hat man sich in der Öffentlichkeit so und so zu verhalten. Es wäre unhöflich gewesen, wenn mir die Bäckersfrau keinen "schönen Tag" gewünscht hätte. Ebenso wäre es als unhöflich eingestuft worden, wenn ich ihr das nicht auch gewünscht hätte.
Aber vielleicht finde ich sie gar nicht symphatisch? Vielleicht passt mir ihr Haarschnitt nicht? Oder ich hasse den Laden und gehe da nur hin, weil bestimmte Brötchenprodukte eine höhere Qualität aufweisen als in anderen vergleichbaren Etablissements? Pillepalle! Selbst wenn das stimmen würde nimmt die Konvention darauf keine Rücksicht. Sie ist von unerbittlicher Geltung.
Sie können sie allerdings variieren. Sie können einen „sehr schönen Tag“ wünschen, einen „besonders schönen Tag“ oder einfach nur „Danke“ sagen und so tun, als impliziere dies bereits den Gegenwunsch. Es gibt sicher weitere Variationsmöglichkeiten. Sie dürfen sich sogar verweigern und brummelig den Laden verlassen, wenn Sie mit bösen Blicken leben können, nur eines dürfen Sie nicht: sich der Konvention entgegenstellen oder sie zum Thema machen!
Sie sagen also niemals „Ihnen nicht“ und Sie beginnen auch keine Diskussion über Grußformeln mit der Bäckersfrau. Das ist ein soziologisches Gesetz, sichert den sozialen Frieden und eine schnelle, ökonomisch vorteilhafte Bedienung. Klingt vernünftig!
Aber was wiederum ist schon Vernunft? Ganze Heerscharen von bösen Menschen haben sich stark ihrer Vernunft bedient und ganze Armeen von freundlichen Individuen noch emphatischer ihren Emotionen. Umgekehrt ebenso. Alles relativ also und nichts von Natur aus gut – außer Roger Willemsen.
Was also, wenn Sie es wagen? Kaufen Sie irgendwas in ihrer Lieblings-Bäckerei (Mohnbrötchen!) und wenn die üblichen Ablaufe fast gelaufen sind und Sie nur noch konventionell das Ende der kurzzeitigen Sozialbeziehung einläuten müssen, sagen Sie folgendes: „Es tut mir leid, ich wünsche Ihnen keinen schönen Tag. Aber auch keinen Schlechten. Ich wünsche Ihnen in den nächsten drei Tagen eine durchschnittliche Existenz. Allerdings „durchschnittlich“ nicht in dem Sinne, wie Sie es vielleicht verstehen. Sie sollen nicht träge vor sich hin leben, sondern Phantastisches und Schlimmes erleben, Berauschendes und Qualvolles. Der ganze Facettenreichtum menschlichen Lebens soll in ihr Dasein dringen und nach diesen drei Tagen sollen Sie nie wieder so sein wie zuvor. Glücklich werden Sie sein, denn Sie werden gelebt haben. So wie John Keating es zitiert, so sollen Sie in den Wäldern unserer Zeit existiert haben.“
Blicken Sie die Bäckersfrau dabei fest an und sprechen Sie mit ruhiger, klarer, sachlicher und lauter Stimme. Machen Sie klar, dass nichts und niemand Sie unterbrechen wird. Wenn Sie sich Teile des Textes nicht merken können, füllen Sie diese Stellen auf, indem Sie vertrauensselig zwinkernd „So ist es doch!“ rufen und anschließend fortfahren. Und wenn Sie geendet haben, verbeugen Sie sich vor der Bäckersfrau.
Was dann passiert?
Probieren Sie es einfach aus – beim Bäcker ihres Vertrauens.