Weiß.
Verfasst: 10.08.2008, 01:36
Weiß war ihre Lieblingsfarbe. Ihr Kunstlehrer hatte immer gesagt, Weiß sei keine Farbe. Genauso wenig wie Schwarz. Seine Begründung hatte sie nicht mehr im Kopf. Es hing irgendwie mit dem Licht zusammen. Weiß kommt angeblich heraus, wenn man das Licht sämtlicher Farben oder Spektralfarben oder Primärfarben vereinigt. Weiß sei also die Summe aller Farben. Und Schwarz die Abwesenheit jeglicher Farbe. So oder so ähnlich war seine Begründung. Warum wusste sie das bloß nicht? Sie hatte doch Abitur und inzwischen sogar ein abgeschlossenes Studium hinter sich. Wenn ich das schon nicht weiß, dann wissen das bestimmt die wenigsten, dachte sie.
Sie liebte weiße Kleidung. Auf der einen Seite steht Weiß für Unschuld und dennoch hat Weiß etwas Hocherotisches. So eine weiße, sehr körperbetonte Bluse, unter der sich ihre Brüste mehr als erahnen ließen, liebte auch ihr Freund. Aber wenn Weiß die Summe aller Farben ist, warum sieht man dann einen farbigen Fleck auf einer weißen Bluse besonders deutlich. Auf ein bisschen mehr in dieser Summe würde es dann doch nicht ankommen. Und umgekehrt müsste man dann doch auf einem schwarzen Kleidungsstück einen Fleck besser sehen als auf einem weißen, wenn doch Schwarz die Abwesenheit sämtlicher Farbe sei. Dann würde ein bisschen Farbe doch zupass kommen.
Sie wollte ihren Freund fragen, ob er die Frage beantworten könnte. Als er sie besuchte, fragte sie ihn, warum Weiß keine Farbe sei. Seine Antwort auf ihre Frage lautete: „Ich will nicht mit dir reden, ich will es nur mit dir machen. Ich habe da von einer ganz tollen Stellung gehört.“ Na toll, dachte sie, als ich ihm vor kurzem sagte, dass ich gerne Dirty Talking mag, hatte er sich erst ziemlich gesträubt. Und jetzt kommt er so forsch daher. Dabei mochte sie Dirty Talking nur in den Momenten höchster Erregung.
„Wir machen einen Deal. Erst erklärst Du es mir, dann stehe ich Dir zur vollkommenen Verfügung. Einverstanden?“
„In Ordnung. Also die Stellung heißt Durchbrechen. Der Anfang ist wie bei einer Schubkarre. Dann nimmst Du aber die Hände vom Boden und umfasst meine Fußgelenke.“
„Idiot! Mit Erklären meinte ich meine Frage zu Weiß.“
„Oh. Du schlägst mir also Wissen gegen Sex vor.“
„Ja richtig, so eine Art Prostitution. Wie tief bin ich gesunken.“
„Na ja. So würde ich das nicht sehen. Bildung ist doch das höchste Gut. Da sollte einem kein Preis zu hoch sein. Wenn ich wählen könnte zwischen Bildung und Reichtum, würde ich mich freiwillig für Bildung entscheiden.“
„Ich auch.“
„Also mit der Farbe, ich glaube das ist eine Frage der Definition, was eine Farbe ist. Es gibt Farbe als Sinneswahrnehmung und als Farbsubstanz. Ich glaube aber schon, dass Weiß eine Farbe ist.“
„Und wie sieht es mit dem Fleck auf der weißen Kleidung aus?“
„Na die weiße Farbe deiner Kleidung ist ein Farbstoff. Dass Du Weiß siehst, ist eine Sinneswahrnehmung. Der Fleck überdeckt den weißen Farbstoff, so dass nur der Fleck gesehen wird, der eine andere Wahrnehmung hervorruft als die ursprüngliche.“
„Steht nicht irgendwo in der Bibel, dass Kleidung in Blut gewaschen wird und anschließend weiß wird?“
„Kann sein. Ich glaube, Du bist ab jetzt die Frau zum Reden.“
Damit bezog er sich auf die Theorie eines gemeinsamen Freundes. Dieser hatte die Theorie, dass eine Frau nicht alle Bedürfnisse eines Mannes erfüllen könne. Also hatte er eine Frau für hochgeistige Gespräche, eine für das Bett und eine zum Ausgehen.
„Ich hoffe nur, dass Frau Nummer zwei auch etwas im Bett taugt.“ Mit dieser Bemerkung handelte er sich den ersten und einzigen Schlag des Abends ein. Er mochte es, sie zu necken. Manchmal konnte sie allerdings sehr empfindlich reagieren. Ihm kam es so vor, als ob sie sich dann tödlich beleidigt zurückziehe. Sie sagte dann später immer, dass sie ganz traurig sei und er es nicht merke beziehungsweise dass er nicht in der Lage sei, sie zu trösten. Das könnten dann nur ihre Freunde. Er wiederum war der Auffassung, dass das seine Aufgabe sei und wenn er nicht in der Lage sei, ihr dies zu bieten, er nicht der Richtige für sie wäre. Das war einer der ewigen Konflikte zwischen ihnen. An diesem Abend kam es nicht so.
„Na schön, wenn wir schon einen Rede-Abend haben, dann können wir mal vom naturwissenschaftlichen zum philosophischen Teil übergehen. Dein Kunstlehrer hat ja gesagt, dass Weiß die Summe aller Farben sei und trotzdem steht Weiß für die Unschuld. Komisch eigentlich, oder?“
„Ich hätte da eine Erklärung.“
„Ich auch. Aber Du zuerst.“
„Es ist wie mit dem Begriff der Harmonie. In dem Buch, das ich von Dir geschenkt bekommen habe, steht, dass Harmonie gerade nicht die Abwesenheit von Konflikten bezeichnet, sondern die Integration auch aller Widersprüche. Nur dadurch könne Harmonie entstehen.“
„Das ist genau das, was ich auch sagen wollte.“
„Oh. Wie bei uns. Da vereinen sich auch die Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen.“
„Vielleicht!“, erwiderte er.
Sie lächelte.
Sie liebte weiße Kleidung. Auf der einen Seite steht Weiß für Unschuld und dennoch hat Weiß etwas Hocherotisches. So eine weiße, sehr körperbetonte Bluse, unter der sich ihre Brüste mehr als erahnen ließen, liebte auch ihr Freund. Aber wenn Weiß die Summe aller Farben ist, warum sieht man dann einen farbigen Fleck auf einer weißen Bluse besonders deutlich. Auf ein bisschen mehr in dieser Summe würde es dann doch nicht ankommen. Und umgekehrt müsste man dann doch auf einem schwarzen Kleidungsstück einen Fleck besser sehen als auf einem weißen, wenn doch Schwarz die Abwesenheit sämtlicher Farbe sei. Dann würde ein bisschen Farbe doch zupass kommen.
Sie wollte ihren Freund fragen, ob er die Frage beantworten könnte. Als er sie besuchte, fragte sie ihn, warum Weiß keine Farbe sei. Seine Antwort auf ihre Frage lautete: „Ich will nicht mit dir reden, ich will es nur mit dir machen. Ich habe da von einer ganz tollen Stellung gehört.“ Na toll, dachte sie, als ich ihm vor kurzem sagte, dass ich gerne Dirty Talking mag, hatte er sich erst ziemlich gesträubt. Und jetzt kommt er so forsch daher. Dabei mochte sie Dirty Talking nur in den Momenten höchster Erregung.
„Wir machen einen Deal. Erst erklärst Du es mir, dann stehe ich Dir zur vollkommenen Verfügung. Einverstanden?“
„In Ordnung. Also die Stellung heißt Durchbrechen. Der Anfang ist wie bei einer Schubkarre. Dann nimmst Du aber die Hände vom Boden und umfasst meine Fußgelenke.“
„Idiot! Mit Erklären meinte ich meine Frage zu Weiß.“
„Oh. Du schlägst mir also Wissen gegen Sex vor.“
„Ja richtig, so eine Art Prostitution. Wie tief bin ich gesunken.“
„Na ja. So würde ich das nicht sehen. Bildung ist doch das höchste Gut. Da sollte einem kein Preis zu hoch sein. Wenn ich wählen könnte zwischen Bildung und Reichtum, würde ich mich freiwillig für Bildung entscheiden.“
„Ich auch.“
„Also mit der Farbe, ich glaube das ist eine Frage der Definition, was eine Farbe ist. Es gibt Farbe als Sinneswahrnehmung und als Farbsubstanz. Ich glaube aber schon, dass Weiß eine Farbe ist.“
„Und wie sieht es mit dem Fleck auf der weißen Kleidung aus?“
„Na die weiße Farbe deiner Kleidung ist ein Farbstoff. Dass Du Weiß siehst, ist eine Sinneswahrnehmung. Der Fleck überdeckt den weißen Farbstoff, so dass nur der Fleck gesehen wird, der eine andere Wahrnehmung hervorruft als die ursprüngliche.“
„Steht nicht irgendwo in der Bibel, dass Kleidung in Blut gewaschen wird und anschließend weiß wird?“
„Kann sein. Ich glaube, Du bist ab jetzt die Frau zum Reden.“
Damit bezog er sich auf die Theorie eines gemeinsamen Freundes. Dieser hatte die Theorie, dass eine Frau nicht alle Bedürfnisse eines Mannes erfüllen könne. Also hatte er eine Frau für hochgeistige Gespräche, eine für das Bett und eine zum Ausgehen.
„Ich hoffe nur, dass Frau Nummer zwei auch etwas im Bett taugt.“ Mit dieser Bemerkung handelte er sich den ersten und einzigen Schlag des Abends ein. Er mochte es, sie zu necken. Manchmal konnte sie allerdings sehr empfindlich reagieren. Ihm kam es so vor, als ob sie sich dann tödlich beleidigt zurückziehe. Sie sagte dann später immer, dass sie ganz traurig sei und er es nicht merke beziehungsweise dass er nicht in der Lage sei, sie zu trösten. Das könnten dann nur ihre Freunde. Er wiederum war der Auffassung, dass das seine Aufgabe sei und wenn er nicht in der Lage sei, ihr dies zu bieten, er nicht der Richtige für sie wäre. Das war einer der ewigen Konflikte zwischen ihnen. An diesem Abend kam es nicht so.
„Na schön, wenn wir schon einen Rede-Abend haben, dann können wir mal vom naturwissenschaftlichen zum philosophischen Teil übergehen. Dein Kunstlehrer hat ja gesagt, dass Weiß die Summe aller Farben sei und trotzdem steht Weiß für die Unschuld. Komisch eigentlich, oder?“
„Ich hätte da eine Erklärung.“
„Ich auch. Aber Du zuerst.“
„Es ist wie mit dem Begriff der Harmonie. In dem Buch, das ich von Dir geschenkt bekommen habe, steht, dass Harmonie gerade nicht die Abwesenheit von Konflikten bezeichnet, sondern die Integration auch aller Widersprüche. Nur dadurch könne Harmonie entstehen.“
„Das ist genau das, was ich auch sagen wollte.“
„Oh. Wie bei uns. Da vereinen sich auch die Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen.“
„Vielleicht!“, erwiderte er.
Sie lächelte.