Weiß.

In diesem Forum kann sich jeder mit seinem Text der Kritik des Publikums stellen. Selbstverständlich auf eigene Gefahr ...
Ernst Lipinski
Kerberos
Beiträge: 8
Registriert: 10.08.2008, 01:08
Wohnort: Köln

Weiß.

Beitragvon Ernst Lipinski » 10.08.2008, 01:36

Weiß war ihre Lieblingsfarbe. Ihr Kunstlehrer hatte immer gesagt, Weiß sei keine Farbe. Genauso wenig wie Schwarz. Seine Begründung hatte sie nicht mehr im Kopf. Es hing irgendwie mit dem Licht zusammen. Weiß kommt angeblich heraus, wenn man das Licht sämtlicher Farben oder Spektralfarben oder Primärfarben vereinigt. Weiß sei also die Summe aller Farben. Und Schwarz die Abwesenheit jeglicher Farbe. So oder so ähnlich war seine Begründung. Warum wusste sie das bloß nicht? Sie hatte doch Abitur und inzwischen sogar ein abgeschlossenes Studium hinter sich. Wenn ich das schon nicht weiß, dann wissen das bestimmt die wenigsten, dachte sie.
Sie liebte weiße Kleidung. Auf der einen Seite steht Weiß für Unschuld und dennoch hat Weiß etwas Hocherotisches. So eine weiße, sehr körperbetonte Bluse, unter der sich ihre Brüste mehr als erahnen ließen, liebte auch ihr Freund. Aber wenn Weiß die Summe aller Farben ist, warum sieht man dann einen farbigen Fleck auf einer weißen Bluse besonders deutlich. Auf ein bisschen mehr in dieser Summe würde es dann doch nicht ankommen. Und umgekehrt müsste man dann doch auf einem schwarzen Kleidungsstück einen Fleck besser sehen als auf einem weißen, wenn doch Schwarz die Abwesenheit sämtlicher Farbe sei. Dann würde ein bisschen Farbe doch zupass kommen.

Sie wollte ihren Freund fragen, ob er die Frage beantworten könnte. Als er sie besuchte, fragte sie ihn, warum Weiß keine Farbe sei. Seine Antwort auf ihre Frage lautete: „Ich will nicht mit dir reden, ich will es nur mit dir machen. Ich habe da von einer ganz tollen Stellung gehört.“ Na toll, dachte sie, als ich ihm vor kurzem sagte, dass ich gerne Dirty Talking mag, hatte er sich erst ziemlich gesträubt. Und jetzt kommt er so forsch daher. Dabei mochte sie Dirty Talking nur in den Momenten höchster Erregung.
„Wir machen einen Deal. Erst erklärst Du es mir, dann stehe ich Dir zur vollkommenen Verfügung. Einverstanden?“
„In Ordnung. Also die Stellung heißt Durchbrechen. Der Anfang ist wie bei einer Schubkarre. Dann nimmst Du aber die Hände vom Boden und umfasst meine Fußgelenke.“
„Idiot! Mit Erklären meinte ich meine Frage zu Weiß.“
„Oh. Du schlägst mir also Wissen gegen Sex vor.“
„Ja richtig, so eine Art Prostitution. Wie tief bin ich gesunken.“
„Na ja. So würde ich das nicht sehen. Bildung ist doch das höchste Gut. Da sollte einem kein Preis zu hoch sein. Wenn ich wählen könnte zwischen Bildung und Reichtum, würde ich mich freiwillig für Bildung entscheiden.“
„Ich auch.“
„Also mit der Farbe, ich glaube das ist eine Frage der Definition, was eine Farbe ist. Es gibt Farbe als Sinneswahrnehmung und als Farbsubstanz. Ich glaube aber schon, dass Weiß eine Farbe ist.“
„Und wie sieht es mit dem Fleck auf der weißen Kleidung aus?“
„Na die weiße Farbe deiner Kleidung ist ein Farbstoff. Dass Du Weiß siehst, ist eine Sinneswahrnehmung. Der Fleck überdeckt den weißen Farbstoff, so dass nur der Fleck gesehen wird, der eine andere Wahrnehmung hervorruft als die ursprüngliche.“
„Steht nicht irgendwo in der Bibel, dass Kleidung in Blut gewaschen wird und anschließend weiß wird?“
„Kann sein. Ich glaube, Du bist ab jetzt die Frau zum Reden.“
Damit bezog er sich auf die Theorie eines gemeinsamen Freundes. Dieser hatte die Theorie, dass eine Frau nicht alle Bedürfnisse eines Mannes erfüllen könne. Also hatte er eine Frau für hochgeistige Gespräche, eine für das Bett und eine zum Ausgehen.
„Ich hoffe nur, dass Frau Nummer zwei auch etwas im Bett taugt.“ Mit dieser Bemerkung handelte er sich den ersten und einzigen Schlag des Abends ein. Er mochte es, sie zu necken. Manchmal konnte sie allerdings sehr empfindlich reagieren. Ihm kam es so vor, als ob sie sich dann tödlich beleidigt zurückziehe. Sie sagte dann später immer, dass sie ganz traurig sei und er es nicht merke beziehungsweise dass er nicht in der Lage sei, sie zu trösten. Das könnten dann nur ihre Freunde. Er wiederum war der Auffassung, dass das seine Aufgabe sei und wenn er nicht in der Lage sei, ihr dies zu bieten, er nicht der Richtige für sie wäre. Das war einer der ewigen Konflikte zwischen ihnen. An diesem Abend kam es nicht so.
„Na schön, wenn wir schon einen Rede-Abend haben, dann können wir mal vom naturwissenschaftlichen zum philosophischen Teil übergehen. Dein Kunstlehrer hat ja gesagt, dass Weiß die Summe aller Farben sei und trotzdem steht Weiß für die Unschuld. Komisch eigentlich, oder?“
„Ich hätte da eine Erklärung.“
„Ich auch. Aber Du zuerst.“
„Es ist wie mit dem Begriff der Harmonie. In dem Buch, das ich von Dir geschenkt bekommen habe, steht, dass Harmonie gerade nicht die Abwesenheit von Konflikten bezeichnet, sondern die Integration auch aller Widersprüche. Nur dadurch könne Harmonie entstehen.“
„Das ist genau das, was ich auch sagen wollte.“
„Oh. Wie bei uns. Da vereinen sich auch die Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen.“
„Vielleicht!“, erwiderte er.
Sie lächelte.

Glaukos
Pegasos
Beiträge: 1155
Registriert: 12.09.2004, 21:16
Wohnort: Berlin

Re: Weiß.

Beitragvon Glaukos » 10.08.2008, 13:48

hallo E.L.,
und willkommen hier.

zuerst mal dieser satz:

"Wenn ich wählen könnte zwischen Bildung und Reichtum, würde ich mich freiwillig für Bildung entscheiden.“

inhaltlich bin ich ganz seiner meinung ... aber ich frage mich, warum da 'freiwillig' steht. das ist eigenartig ...
dein text hat einige solch eigentümlichkeiten, die seine lesbarkeit erschweren.

die verbindung von intellektuellem und sex finde ich nicht soooo prickelnd. die figuren wirken gespalten. einerseits wie lernwillige studenten, die ihren geist entwickeln wollen, was das sexuelle angeht aber eher wie teenager. manchmal reden sie dann aber für heutige verhältnisse gestelzt bzw. gespreizt, als wären sie eigentlich 50 jahre alt oder als stammten sie aus den 1950er jahren ...

gute ideen finde ich im text, ich möchte das fast schon 'philosophische ansätze' nennen. so etwas gefällt mir in der regel. aber hier lebt die geschichte nicht, wohl weil man so wenig vom außenherum erfährt, wo sind die figuren? sie wirken raumlos, es gibt gar keine situation außenherum, sie schweben in einem undefinierten, theoretischen raum ...... ist das absicht?


lg
tolya

Ernst Lipinski
Kerberos
Beiträge: 8
Registriert: 10.08.2008, 01:08
Wohnort: Köln

Re: Weiß.

Beitragvon Ernst Lipinski » 11.08.2008, 00:40

Hallo Tolya,

vielen Dank für Deine Kritik.

Was das Wort "freiwillig" angeht, hast Du Recht. Ich hatte wahrscheinlich im Kopf "Wenn ich wählen müßte zwischen Bildung und Reichtum...". Selbst dann könnte man "freiwillig" aber weglassen.

Was die gespaltenen Figuren angeht, das finde ich nicht schlimm. Du? Die Figuren möchte ich nicht allzusehr festlegen. Ich hatte sie so "Ü30" im Kopf. Aber hier soll sich jeder Leser seine eigene Vorstellung machen; dem Leser möchte ich auf keinen Fall meine Vorstellung aufdrücken. Auf Dich wirken sie wie 50. Damit habe ich keine Probleme.

Du meinst, dass die Figuren ein wenig gestelzt reden? Kannst Du da ein paar Beispiele nennen? Das ist natürlich nicht meine Absicht.

Es entspricht m.E. der Realität, dass man, wenn man über philosophische Themen spricht, ein wenig "gespreizt" spricht, besonders dann, wenn man es nicht gewöhnt ist. Auf der anderen Seite möchte ich einen Leser natürlich nicht abschrecken. Bin also für konstruktive Hinweise dankbar.

Viele Grüße
Ernst

mög
Sphinx
Beiträge: 170
Registriert: 14.08.2004, 13:18
Wohnort: Leonding

Re: Weiß.

Beitragvon mög » 13.08.2008, 22:02

Ich hingegen finde ja die Verbindung von Sex und Intellektuellem wieder sehr hübsch. Nicht umsonst bezeichnet mancher (zB ich) das, was die beiden hier betreiben, ja auch gerne als „Hirnwixen“ und ich finde, der Text spielt doch recht nett mit der Frage, inwiefern das eine nun das andere verdrängt oder vielleicht sogar fördert – Vorspiel oder Ersatzhandlung quasi.

Die Figuren wirken allerdings in beiden Belangen eher unbeholfen. Ich würde auch sagen: entweder sehr jung oder sehr aus der Übung (zweiter Frühling, vielleicht?). Wäre vielleicht ganz gut, wenn sich der Text in dieser Hinsicht positionieren würde. Leerstellen, die dem Leser Raum lassen für eigene Interpretationen sind grundsätzlich sicher keine schlechte Idee, aber wenn man’s damit übertreibt wird der Text schnell beliebig. Ich könnte mir vorstellen, Toylas Bemerkung über die Raumlosigkeit dieser Figuren geht in eine ähnliche Richtung. Bisschen konkreter werden, könnte nicht schaden.

Die Farbe Weiß und sämtlich damit verbundenen Assoziationen – das ist auf jeden Fall schon mal ein guter Aufhänger. Melville hat in Moby Dick dem Thema ein ganzes Kapitel gewidmet, in dem er die Symbolkraft der Farbe nach allen Richtungen auslotet– Unschuld, Reinheit natürlich, aber auch Tod (weiße Kleidung bei Begräbnissen in manchen Kulturen, weiß ist ja auch die Farben von Knochen und Leichen), Schrecken, Gefahr – weiße Sturmböen, der weiße Wal selbst, Eisbären, die Eiswüste, das Nichts. Am Ende kann man nachvollziehen, warum den Erzähler beim Anblick von Weiß ein existenzieller Schauer überkommt. Melville ist natürlich ein unfairer Maßstab, aber ich kann mir nicht helfen – aus diesem Motiv hätte man mehr rausholen können.

Und die Argumentationslinien selbst sind halt schon teilweise ein bisschen gesucht verschroben-niedlich. Ich weiß nicht, vielleicht geht es ja nur mir so, aber ich genieße Hirnwixereien umso mehr, je mehr der Anschein von Kohärenz gewahrt wird – natürlich entwickelt man dabei seine ganz eigene Logik, aber Logik bleibt es doch. Soll heißen: der wahre Pseudo-Intellektuelle gibt sich auch pseudo-rational; wenn man auch für seine Gedankengerüste die Materialien weiter her holt – die Bauweise bleibt doch dieselbe.

Zum Flecken-Bluse-Argument: sicherlich fallen dunkle Flecken auf weißen Blusen mehr auf als auf schwarzen, aber sobald der Fleck gewisse andere Farben hat – Neongelb etwa oder Pink (zB nach einer Paintball-Attacke) stimmt das schon nicht mehr. Pink hebt sich von Schwarz sogar besser ab als von Weiß.

Das Argument, das der Freund liefert, ist wenig geeignet, irgendwas zu entkräften.
„Der Fleck überdeckt den weißen Farbstoff, so dass nur der Fleck gesehen wird, der eine andere Wahrnehmung hervorruft als die ursprüngliche.“
Das einzige, was das erklärt ist, warum man schwarze Flecken auf schwarzen Blusen nicht sieht und weiße nicht auf weißen.

Die ganze Bildungsbeflissenheit der beiden hat auch etwas sehr Rührendes. Ihre Verwunderung darüber, dass sie trotz Studium nicht alle Fakten aller Disziplinen parat hat, deutet auf eine etwas naive Vorstellung von der Zielsetzung einer wissenschaftlichen Ausbildung hin (mein Verdacht: es geht nicht darum, bei „Wer wird Millionär?“ abzuräumen). Auch sehr lieb: seine treuherzige Beteuerung, Bildung jederzeit Reichtum vorzuziehen und ihre völlig unironische Reaktion. „Bildung ist das höchste Gut“ – das Sentiment können wir sicher alle nachvollziehen, aber die Formulierung ist doch etwas salbungsvoll. Ehrlich, ich bin ein großer Fan von Bildung, aber wenn einem meiner Freunde in meiner Gegenwart eine solche Plattitüde auskommt, könnte ich nicht widerstehen, ihn ein bisschen damit aufzuziehen.

Ich würde auch sagen, die beiden sind nicht gewöhnt, über philosophische Themen zu reden. Was immer sie also studiert hat – eine Geisteswissenschaft war es schon mal nicht. (Natürliche reden professionelle Pseudo-Intellektuelle auch gespreizt – aber anders gespreizt, das ist eben die Kunst).
Und man merkt: sie sind auch nicht gewöhnt, über Sex zu reden – oder „Dirty Talking“ zu betreiben, wie sie das so schön nennt - ein Fachbegriff, der doch verdächtig nach Frauenzeitschrift und Ratgeberliteratur klingt („Zehn aufregende Möglichkeiten Ihr Sexleben aufzupeppen“ oder so, stell ich mir vor – woher sonst kommt solche Terminologie?). Nun vermute ich allerdings, dass alle jene Glücklichen, die ausreichend Gelegenheiten dazu haben, in solchen Belangen lieber auf eigene empirische Erkenntnisse zurückgreifen und unweigerlich ironische Distanz zu solchen Texten entwickeln, die hier aber eher nicht erkennbar ist. Stattdessen: wieder große Beflissenheit.

Insofern ist es sogar passend, dass seine Einwürfe ein bisschen forciert klingen. Steht ja sogar im Text: Ihm liegt das eigentlich nicht, aber sie hat das halt irgendwo gelesen und er folgt halt jetzt dem Skript der Frauenzeitschrift und hat noch nicht recht im Gefühl, wann es passt und wann nicht und wie man das ganze authentisch rüberbringt.

„einerseits wie lernwillige studenten, die ihren geist entwickeln wollen, was das sexuelle angeht aber eher wie teenager“ – ja, diesen Eindruck teile ich auch, aber für mich ist das nicht unbedingt Widerspruch. Auch ältere Menschen können ja noch sexuell unerfahren sein. Diese Bereitschaft, den Geist zu entwickeln passt für mich sogar recht gut zu einer ebenso demonstrierten Bereitschaft, sich auch in sexueller Hinsicht weiterzuentwickeln. Das ist doch erfrischend!

Für mich geht’s hier um ein Paar, das gerade erst die Freuden von frivolen Betätigungen wie Sex und Hirnwixen entdeckt (und wenn man Pech hat, kann sich das ja auch durchaus später im Leben ergeben, für beides muss man ja in der Regel erst geeignete Partner finden, Hirnwixen ganz ohne Feedback macht nämlich auch nicht viel Spaß) und die ersten tapsigen Schritte in diese Richtung unternimmt.

Natürlich könnte dieser Text sowohl in intellektueller als auch in anderer Hinsicht stimulierender sein, aber als Beschreibung dieser Beziehung finde ich das durchaus gelungen.
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)


Zurück zu „Texte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 21 Gäste