Die Mutter schmeißt ihrem Sohn morgens um 10:00 Uhr die Bildzeitung hin. Sie gibt ihm eine Ohrfeige. Es wurde schon immer viel geschlagen bei Maiers, aber jetzt kann die Mutter nicht mehr. Sie ist fast blutleer, als sie ihn darauf in die Eier tritt.
„Es gehört einiges dazu, es in die Bildzeitung zu schaffen, aber du scheust ja anscheinend vor nichts zurück!“
Sie nimmt einen tiefen Schluck aus dem plumpen Wasserglas. Darin befindet sich ein Fusel der niedrigsten Sorte.
Der Sohn hält seine Hand in den Schritt, dann schaut er weg mit einem dummen Grinsen. Die Schläge merkt er schon lange nicht mehr. Er hat schon zurückgeschlagen. Klar. Aber es half nichts. Irgendwann hat er resigniert. Er schielt kurz auf die Schlagzeile und meint:
„Ach das. Es gibt schlimmeres.“
„Aber es ist das zweite Mal und jetzt erst wurde es entdeckt. Ich wusste davon nichts.“
Sie zündet sich eine Zigarette an. Die Küche ist jetzt in Qualm gehüllt.
„Was soll ich noch tun? Dich nochmal schlagen? Wird es dich davon abhalten?“
„Mutter, lass es einfach.“
„Wo ist die Brut? Weißt du nicht, dass das Idioten werden? Wie kannst du nur!“
„Das ist meine Sache. Ich kümmere mich. Besser als du.“
„Achso, jetzt bin ich wieder der Arsch! Du solltest mal deinen Vater dafür verantwortlich machen. Schließlich hat sie dich betört oder war es umgekehrt. Wie kann man nur!“
„Niemand hat jemand betört. Es kam so. Sie ist jünger und ich mag sie.“
Er hält den Druck nicht mehr aus und schnappt sich eine Zigarette aus der Schachtel seiner Mutter. Dumpf stiert er, während er raucht.
Die Mutter denkt, er sieht dämlich aus.
Er denkt, die Mutter sieht dämlich aus. Vielleicht hatte sie ja auch schon?
„Pfff, ich mag sie. So ein dummes Geschwäz.“
„Hat sich nicht schon Vater an meiner Schwester vergangen? War das nicht euer Scheidungsgrund?“
Die Mutter schaut nach unten, nimmt einen tiefen Schluck aus ihrem Glas, dann schmeißt sie es auf den Boden. Das Glas zerspringt in Millionen Splitter.
„Tolle Inszenierung. Hast du noch mehr zu bieten, Mutter?“
„Hinterhältig bist du. Es stört mich, dass du so leise bist und dich nicht gegen die Schläge wehrst. Aber wie konntest du nur deiner eigenen Schwester zwei Kinder machen?“
Schaden
-
Jack Swallow
- Sphinx
- Beiträge: 108
- Registriert: 18.11.2007, 14:15
Re: Schaden
Ein verdammt heikles Thema, das du in deinem Text zum Ausdruck bringst...
Die Umsetzung des Themas ist, für mich zumindest, zu sehr mit Klischees behaftet...
Bsp.:
Es fehlt irgendwie die differenziertere Betrachtung dieses Tabuthemas...
Bei der differenzierten Betrachtung, glaube ich, geht es nicht so sehr um die Darstellung des Tabus als Tabu...,
Ich habe in diesem Zusammenhang mal von einem Fall gehört, der einen schon auf diesen Weg der differenzierteren Betrachtung führen könnte, denk ich...
http://www.iley.de/?pageID=20000000&article=00000095
(Falls es rechtliche Bedenken gibt, bitte ich diesen Link umgehend zu löschen...
Kenn mich mit den rechtlichen Dingen, von wegen copyright und so ein Zeugs, leider nur dürftig aus...)
Die Umsetzung des Themas ist, für mich zumindest, zu sehr mit Klischees behaftet...
Bsp.:
...sie ihn darauf in die Eier tritt...Bildzeitung...Darin befindet sich ein Fusel der niedrigsten Sorte...
Dumpf stiert er, während er raucht...
Die Mutter denkt, er sieht dämlich aus.
Er denkt, die Mutter sieht dämlich aus...
Es fehlt irgendwie die differenziertere Betrachtung dieses Tabuthemas...
Bei der differenzierten Betrachtung, glaube ich, geht es nicht so sehr um die Darstellung des Tabus als Tabu...,
Ich habe in diesem Zusammenhang mal von einem Fall gehört, der einen schon auf diesen Weg der differenzierteren Betrachtung führen könnte, denk ich...
http://www.iley.de/?pageID=20000000&article=00000095
(Falls es rechtliche Bedenken gibt, bitte ich diesen Link umgehend zu löschen...
Kenn mich mit den rechtlichen Dingen, von wegen copyright und so ein Zeugs, leider nur dürftig aus...)
"Dem schauenden Auge das Wort lassen" (Edmund Husserl)
Re: Schaden
Guten Abend, Patina!
Ich habe beim Lesen das Gefühl gehabt, dass der Text eine starke Schieflage hat. Auf der einen Seite schaffst Du das Bild eines bestimmten Milieus:
Daneben stellst Du Dialogzeilen wie diese:
Das passt so gar nicht zusammen und wirkt wie der von Dir beschriebene Tritt - den der Sohn übrigens erstaunlich locker wegsteckt. DA kann man sich nicht abhärten. Ehrlich...
Dazu Bilder wie das in Millionen Splitter zerspringende Glas...
Das ist alles so künstlich und schwer vereinbar, dass ich bei einer Autorin Deiner Qualität (nein, das ist keine Schmeichelei sondern ein sachlicher Fakt) fast schon Absicht vermute. Allerdings kann ich diesem kurzen Stück, von dem ich nicht einmal weiss, ob es zu einem größeren Zusammenhang gehört und wenn ja, zu welchem, die Absicht nicht entnehmen. Daher wirkt der Text auf mich zumindest sehr unfertig. Als ob Dein Thema hier Deine Formulierungskraft noch viel zu sehr nach hinten schiebt.
Bestes!
Razor
Ich habe beim Lesen das Gefühl gehabt, dass der Text eine starke Schieflage hat. Auf der einen Seite schaffst Du das Bild eines bestimmten Milieus:
Die Mutter schmeißt ihrem Sohn morgens um 10:00 Uhr die Bildzeitung hin. Sie gibt ihm eine Ohrfeige. Es wurde schon immer viel geschlagen bei Maiers
Sie nimmt einen tiefen Schluck aus dem plumpen Wasserglas. Darin befindet sich ein Fusel der niedrigsten Sorte.
„Achso, jetzt bin ich wieder der Arsch! (...)"
Daneben stellst Du Dialogzeilen wie diese:
Hat sich nicht schon Vater an meiner Schwester vergangen? War das nicht euer Scheidungsgrund?
„Tolle Inszenierung. Hast du noch mehr zu bieten, Mutter?“
Das passt so gar nicht zusammen und wirkt wie der von Dir beschriebene Tritt - den der Sohn übrigens erstaunlich locker wegsteckt. DA kann man sich nicht abhärten. Ehrlich...
Dazu Bilder wie das in Millionen Splitter zerspringende Glas...
Das ist alles so künstlich und schwer vereinbar, dass ich bei einer Autorin Deiner Qualität (nein, das ist keine Schmeichelei sondern ein sachlicher Fakt) fast schon Absicht vermute. Allerdings kann ich diesem kurzen Stück, von dem ich nicht einmal weiss, ob es zu einem größeren Zusammenhang gehört und wenn ja, zu welchem, die Absicht nicht entnehmen. Daher wirkt der Text auf mich zumindest sehr unfertig. Als ob Dein Thema hier Deine Formulierungskraft noch viel zu sehr nach hinten schiebt.
Bestes!
Razor
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Re: Schaden
hallo jack,
das klischee wollte ich so. das war absicht. ich kenne den fall, den du in deinem link angibst. ich hab darüber damals in der süddeutschen gelesen und wollte entfernt daran anknüpfen.
razor, wenn es keine widersprüche gäbe, wäre es doch langweilig. der tritt, natürlich weiß ich, dass das irre weh tut. aber ich wollte das abgestumpfte rüberbringen. natürlich ist das nicht real...
die millionen splitter, die sind eine übertreibung natürlich. der text ist künstlich, ich weiß. unfertig, ich weiß nicht, ich wollte einen spannungsbogen haben. und wegen den formulierung, mir ging es hier streng um das thema, wie versetze ich den leser in ein bild, von dem er nicht zu viel ahnen darf und das sich dann auflöst.
vielen dank für euere reaktionen. eigentlich wäre das ja ein romanthema, man könnte das herrlich aus der sicht des mädchens beschreiben. ich behalte es mal im hinterstübchen, für die zukunft, falls ich mal zeit haben sollte.
das klischee wollte ich so. das war absicht. ich kenne den fall, den du in deinem link angibst. ich hab darüber damals in der süddeutschen gelesen und wollte entfernt daran anknüpfen.
razor, wenn es keine widersprüche gäbe, wäre es doch langweilig. der tritt, natürlich weiß ich, dass das irre weh tut. aber ich wollte das abgestumpfte rüberbringen. natürlich ist das nicht real...
die millionen splitter, die sind eine übertreibung natürlich. der text ist künstlich, ich weiß. unfertig, ich weiß nicht, ich wollte einen spannungsbogen haben. und wegen den formulierung, mir ging es hier streng um das thema, wie versetze ich den leser in ein bild, von dem er nicht zu viel ahnen darf und das sich dann auflöst.
vielen dank für euere reaktionen. eigentlich wäre das ja ein romanthema, man könnte das herrlich aus der sicht des mädchens beschreiben. ich behalte es mal im hinterstübchen, für die zukunft, falls ich mal zeit haben sollte.
Re: Schaden
Hallo Patina,
ich glaube, das ist es, was bei mir nicht funktioniert:
Gerade wegen dieser Widersprüche ergab sich bei mir kein ein Bild und damit auch keine Spannung. Der Text ist so kurz, und enthält dermassen viele Widersprüche, dass ich eine eigene Geschichte erfinden muss, die den Umfang dieses Textes weit übersteigen müsste, um sie zusammenzubringen. Natürlich gibt es Texte, die genau dazu auffordern - von bildender Kunst gar nicht zu reden - aber dazu ist Dein Text dann thematisch und in der ganzen Handlung wieder zu eindeutig - zu real.
Ich möchte also generell keineswegs gegen die Widersprüche argumentieren. Mein Problem ist die Kürze. Wäre er länger, hätte ich etwas mehr Stoff, könnte ich die Widersprüche, zumindest für mich, auflösen - oder das ganze als halb- oder surreales Stück auffassen und mich entsprechend daran abarbeiten. Aber das gibt er mir (noch) nicht her. Daher erscheint er mir wohl auch unfertig.
ich glaube, das ist es, was bei mir nicht funktioniert:
ich wollte einen spannungsbogen haben. und wegen den formulierung, mir ging es hier streng um das thema, wie versetze ich den leser in ein bild
Gerade wegen dieser Widersprüche ergab sich bei mir kein ein Bild und damit auch keine Spannung. Der Text ist so kurz, und enthält dermassen viele Widersprüche, dass ich eine eigene Geschichte erfinden muss, die den Umfang dieses Textes weit übersteigen müsste, um sie zusammenzubringen. Natürlich gibt es Texte, die genau dazu auffordern - von bildender Kunst gar nicht zu reden - aber dazu ist Dein Text dann thematisch und in der ganzen Handlung wieder zu eindeutig - zu real.
Ich möchte also generell keineswegs gegen die Widersprüche argumentieren. Mein Problem ist die Kürze. Wäre er länger, hätte ich etwas mehr Stoff, könnte ich die Widersprüche, zumindest für mich, auflösen - oder das ganze als halb- oder surreales Stück auffassen und mich entsprechend daran abarbeiten. Aber das gibt er mir (noch) nicht her. Daher erscheint er mir wohl auch unfertig.
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Re: Schaden
ja, dann muss ich mich wohl mal nochmal dransetzen....ich weiß allerdings nicht, wann ich die zeit finde, da ich im moment in einem roman verbuddelt bin und das ist echt zäh. ich bin mir auch immer noch nicht sicher, ob ich den roman schreiben will, denn eigentlich liegen mir eher kurzgeschichten oder erzählungen. ich verbiege mich da im moment. ich habe mich für eine romanwerkstatt angemeldet und schreibe da seit einem halben jahr figurencharakterisierungen streng nach literaturwissenschaftlichen kriterien. ich glaube das liegt mir nicht. :-&
Wer ist online?
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 7 Gäste