Seite 1 von 1
Söldner, Huren, Journalisten
Verfasst: 13.09.2002, 19:00
von razorback
Kurz zur Geschichte:
In der Rubrik "Rezensionen" behauptete Sick Steve in Catladys aktuellem Thread am Rande Böses über Belletristik und Lyrik schreibende Journalisten - er warf ihnen Herz- und Geistlosigkeit vor.
Ich, der ich als Journalist in der herz- und geistlosesten, versöldnersten und verhurtesten Branche arbeite, die es für Leute wie mich gibt - nämlich der PR Branche - erfrechte mich trotzdem (und in vielen Fällen wider besseres Wissen), Gegenrede zu führen. MiBo, die ich als Zeugin anrief, fiel mir in den Rücken und es kündigte sich eine witzige kleine Diskussion um eine von mir aufgebauschte Nichtigkeit an, als Catlady dazwischen ging und etwas pikiert anregte, solche Gespräche anderswo zu führen. Nun gut, des Menschen Thread ist sein Himmelreich.
Also: Ja, der Journalismus (und nicht nur der PR-Journalismus) verführt zu Stumpfsinn und/oder Besserwisserei. Aber ich setze ein grosses Argument dagegen:
ERNEST HEMINGWAY
Und gleich noch eins:
KURT TUCHOLSKY
Und ein drittes
EDGAR ALLAN POE
Weitere Meinungen. Ist Euer Lieblingsschrifsteller Journalist? Schreibt Euer Lieblingsjournalist grausige Gedichte. Geht Euch das ganze am Arsch vorbei? Hinterlasst eine Meinung, bevor Ihr Eures Weges zieht.
Danke!
The Razorback
Re: Söldner, Huren, Journalisten
Verfasst: 13.09.2002, 19:28
von Mibo
Tsts, der Herr Razorback nun wieder - voll der Superlativen

Aber Du vergisst: die Steigerung von Journalisten im PR-Bereich, sind Werbetexter und noch schlimmer: freiberufliche Werbetexter. Kennt irgendjemand einen solchen Wortknecht, der annehmbare Prosa schreibt und die auch veröffentlicht ist? Also ich nicht, insofern musste ich Sick Steve einfach recht geben!
Und als Gegenbeispiel zu Deinen: es gibt eine Redakteurin beim Stern, die den unsäglichen "Mondscheintarif" verbrochen hat, das war Ildikó von Kürthy - gruselig!
So, und jetzt geh ich mal ans Bücherregal und schaue bei den üblen Werken nach, wer die so verbrochen hat
Viele Grüße
Mibo
Re: Söldner, Huren, Journalisten
Verfasst: 13.09.2002, 22:14
von gelbsucht
Da Mr. HEMINGWAY zu meinen absoluten Lieblingen zählt, schlage ich mich hier mal auf razorbacks Seite! Das klingt echt, nach einem Vorurteil, was sick stevo rausgehauen hat, obwohl es mir auf den ersten Blick auch irgendwie plausibel und wahr erschien.
Aber mir sind noch zwei Schriftsteller eingefallen, die vorher auch journalistisch unterwegs waren:
ALBERT CAMUS
und:
CHARLES DICKENS
Letzterer hat, soweit ich weiß, im englischen Unterhaus für die englischen Zeitungen stenographiert und diesen Stumpfsinn irgendwann satt gehabt. Und ich wette, da sind noch mehr verdammt gute Schriftsteller aus der Zunft der Journalisten hervorgegangen. Ich meine, das ist doch auch ziemlich naheliegend! Leute wie HEINE oder BÜCHNER haben auch ständig parallel zu ihren dichterischen Tätigkeiten, für Zeitungen und Journale gearbeitet oder diese sogar selbst mit herausgegeben.
Einen guten Schriftsteller, der zugleich Werbetexter ist, kenne ich aber wirklich nicht. Aber dieser Beruf ist ja noch jünger!
MfG,
gelbsucht
Re: Söldner, Huren, Journalisten
Verfasst: 16.09.2002, 10:01
von Sick Steve
Hey, moment mal: Ich sagte nicht geistlos! Einen Geist, durchaus auch einen scharfen, kann man den meisten Journalisten nicht absprechen.
Und ich weiß, jaja, ich weiß, daß Rene Magritte Tapetenmaler war und trotzdem ein toller Maler - er ist, genau gesagt, einer meiner Lieblinge.
Ich bestreite nicht, daß sich unter den großen Schriftstellern viele finden lassen, die auch mal als Journalist tätig waren. Was aber waren sie in erster Linie?
Egal, vergesst es einfach. Ich behaupte, das berufsmäßige Ausüben einer Tätigkeit zerstört das künstlerische darin - das trifft auf Schreiber genau so zu wie auf Musiker. Man wird technisch besser und verliert dafür die Seele; das läßt sich an fast allen Berufsmusikern beobachten, die mal eine Seele hatten: Was ist z.B. Sting für ein armes Würstchen geworden! Oder die Stones, Gott der Gerechte - Kommerzkacke! Bei (den meisten) Schriftstellern ist das nicht anders; etwas tun zu müssen für seinen Lebensunterhalt verträgt sich bei den meisten Menschen nicht mit dem Ausleben von Kreativität. Da gibt es einfach natürliche Widersprüche, die nur wenige Menschen wirkungsvoll überwinden.
Tschö
Stevo
Re: Söldner, Huren, Journalisten
Verfasst: 16.09.2002, 11:11
von razorback
Das ist nun wieder ein verdammt interessanter Gedanke... Wobei meine Hoffnung eher in die entgegengesetzte Richtung geht - sollte der Tag kommen, dass ich vom Schreiben (vom belletristischen Schreiben, meine ich) leben kann, dann hoffe ich gleichzeitig, dass sich das positiv auf die Qualität dessen, was ich schreibe auswirkt, weil ich freier bin. Trotz der Notwendigkeit, damit mein Geld zu verdienen, würde ich etwas gewinnen, was mir im Moment schrecklich fehlt - Zeit für meine Texte.
Die beiden Beispiele zeigen, glaube ich, zwei andere Gefahren:
Sting hat eine musikalische Entwicklung durchgemacht. Mir gefallen die alten Police Sachen auch besser. Aber da sind wir, glaube ich, in der Minderheit.
Den Stones sind irgendwann um 1975 oder so die Ideen ausgegangen. Seitdem machen sie immer das selbe. Das ist schon tragisch...